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Die "Hetzjagd" auf Köche

Querulanten, Vernaderer und chronisch Unzufriedene schießen gerne scharf.

(Symbolbild) Bild: (Volker Weihbold)

Tu felix Austria. Platz 4 in der BIP-Wertung im EU-Vergleich. Im OECD-Durchschnitt haben mehr Österreicher (zwischen 15 und 64 Jahren) eine bezahlte Beschäftigung, eine größere Lebenserwartung und können auf eine bessere Wasserqualität zurückgreifen. Beste Voraussetzungen, um glückselig und mit stolz erhobenem Kopf durchs Leben spazieren zu können. Möchte man meinen.

In der Realität stellt sich der wahre Gemütszustand der verbitterten Österreicher etwas anders da. Zu beobachten im Wirtshaus, im Restaurant und in den sozialen Medien. Wohl nirgendwo anders spürt eine Berufsgruppe mehr Zorn und Verbitterung als in der Gastronomie. Gerade Köche und Kellner bekommen oft das Fett ab, und werden gerne an den Pranger gestellt. Sobald das Salatblatt nicht so am Teller liegt, wie man möchte, wird gejault und geraunzt. Schnell ein Foto geschossen und ins Internet gestellt. Die Menge jauchzt, der Koch wird wie am Nasenring durch die Menge gezogen und öffentlich diffamiert. Schenkelklopfend freut man sich, jemanden anderen eins ausgewischt zu haben, stellt sich eine Stufe höher und klopft sich auf die Brust. Immerhin hat es der Koch gewagt, kein angemessenes Essen zu kochen.

Majestätsbeleidigung

"Ich kann mich zwar nicht erinnern, zerrissen worden zu sein, Verleumdungen passieren aber schon. Du hast allerdings keine Chance. Entweder du reagierst auf unqualifizierte Äußerungen und musst dich in deiner kostbaren Freizeit mit depperten Kommentaren auseinander setzen. Wenn du nicht reagierst, hauen sie erst recht auf dich ein. Wie du es machst ist es falsch", sagt ein bekannter und hoch dekorierter Koch. Ein anderer reagiert verbittert auf gehässige Äußerungen. "Sicher tut es weh, weil ich versuche jeden Tag in der Küche, mein Bestes zu leisten und die Gäste zufrieden zu stellen. Aber man kann nicht jeden Tag perfekt sein. Auch wenn ich es versuche."

Dem royalen Gast ist das egal. In der Regel werden Ansprüche gestellt, die kaum zu bewerkstelligen sind. Bestes Handwerk, frisch gekocht, edelste Zutaten aus der Region, individualisierte Gerichte, tadelloses Service. Und das alles zum Preis, den man von Flugblättern aus der Möbelindustrie gewohnt ist. Wer nur einen Funken Realitätssinn besitzt, wird bald merken, dass dies der Quadratur des Kreises entspricht. Utopisch.

Kategorischer Imperativ

Oft wäre auch ein Blick auf die eigenen Lebensumstände hilfreich. In der Regel erwartet nämlich der Gast, und fordert auch für seine eigene Tätigkeit (wo die auch stattfindet), immer bestmögliche Bezahlung, optimale Arbeitszeiten in einem komfortablen Umfeld. Gleichzeitig will er das aber den Köchen nicht zugestehen. 8 Stundentag, Sonntagszulage, und Wertschätzung. Das wollen die meisten. Sobald jedoch ein Schnitzel am feierlichen Sonntag zwei Euro mehr kosten würde, weil auch der Koch diese Stunden abgegolten haben will, würde es an Beleidigungen hageln. Heinz Reitbauer d. Ä. hat in einem Interview mit Rolling Pin gesagt: "Wir haben einen der schlechtesten Arbeitsplätze überhaupt. Weil wir in erster Linie zu wenig zahlen, dazu die Nacht- und Feiertagsarbeit und das Arbeiten am Wochenende. Wenn Sie zum Beispiel um zehn Minuten nach 18 Uhr in die Apotheke gehen, muss man schon einen Zuschlag zahlen, weil es außerhalb der Geschäftszeit ist. Bei uns bestellt der Gast um halb eins in der Nacht noch ein Glas Sauvignon Blanc und das soll dann gleich viel kosten wie tagsüber. Doch was können wir als Arbeitgeber tun? Wir müssen als Erstes unseren Mitarbeitern entscheidend mehr zahlen, damit wir als Gastwirte überleben können. Wir können nicht von heute auf morgen die Preise um 30 Prozent anheben, aber das wäre notwendig. Deswegen plädiere ich in diesem und nächstem Jahr für 15 Prozent Steigerung. Wir schaffen uns selbst ab, wenn wir auf dem jetzigen Preisniveau bleiben. Das ist die Botschaft, die ich vermitteln möchte."

Aber selbst Reitbauer gibt letztendlich zu, dass er oft keine Preiserhöhung durchführt. Aus Angst, den Gast zu verlieren.

Für den Genießer bedeutet das am Ende nicht, dass er jedem Koch den Bart kraulen muss, aber mehr Respekt (gerade in Zeiten wie diesen, wo gerne Stimmung gegen etwas gemacht wird) wäre oft wünschenswert.

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Artikel Philipp Braun 29. April 2017 - 11:53 Uhr
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