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Yeti mit Smartphone

Manchmal, da macht einem die Technik ja wirklich nichts als Probleme.

Am Computerbildschirm erscheinen ständig Fehlermeldungen wie boshafte Fata Morganas. Das Handy zeigt seit Tagen ein blinkendes Briefchen an, das sich selbst durch wiederholtes kraftvolles Tastendrücken nicht beseitigen lässt. Im E-Mail-Postfach liegt eine Erbschafts-Benachrichtigung aus Afrika, auf die man noch antworten sollte. Oder das Internet ist mal wieder kaputt. Was tut man als leidgeplagter Erwachsener in all diesen Fällen? Richtig. Man konsultiert einen Digital Native.

Digital Natives, das sind die digitalen Ureinwohner, die nach 1984 oder später Geborenen, die mit Computerspielen, Internet und Mobiltelefonie aufgewachsen sind. Omas Handy reparieren sie mit Leichtigkeit, während sie als prädestinierte Multitasker nebenbei noch fünf Freunde anchatten und sieben Pokémons exekutieren. Angeblich.

Im Unterschied zu Medien und Marketing, die dem Generationen-Etikett "Digital Native" aus nachvollziehbaren Gründen viel Zuwendung schenken, herrscht in der Wissenschaft seit längerem Skepsis darüber, ob es den Technik-Freak qua Geburtsjahr überhaupt gibt. Die Bildungspsychologen Paul A. Kirschner und Pedro de Bruyckere gehen in einem neuen Artikel nun sogar so weit, die Idee des Digital Native mit jener des Yeti gleichzusetzen: Beide seien Mythenwesen, deren Existenz empirisch nicht nachweisbar sei.

Abseits der Polemik steckt darin ein wahrer Kern: Eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Studien zeigt, dass die Gehirne jüngerer Menschen genauso wenig "multi-tasken" können wie jene der Älteren und dass die "Generation Google" auch nicht per se technikkompetenter ist als andere Alterskohorten. Während Jugendliche zwar an die Bedienung von Geräten und Software meist stärker gewöhnt sind und daher etwa auch schneller Inhalte im Web finden, unterscheidet sich ihre Fähigkeit, diese Inhalte zu verarbeiten und zu bewerten, hingegen kaum von der ihrer Mamas und Papas. Ein Beispiel: Die meisten Jugendlichen wissen heute aus Eigenerfahrung, dass Fotos durch digitale Nachbearbeitung verändert werden können. In einem Experiment an der Stanford University wurde ein verfälschtes Online-Bild einer angeblich radioaktiv verseuchten Blume von zahlreichen Studierenden trotzdem prompt als Fotobeweis für eine Umweltkatastrophe akzeptiert.

Die sogenannten Digital Natives mögen insgesamt also bessere digitale Konsumenten sein als ihre Großeltern. Überschätzen sollten wir ihre Technikkompetenzen aber nicht. Damit vertäten wir uns die Chance, sie zu mündigen digitalen Produzenten und – vielleicht noch wichtiger – zu informierten digitalen Kritikern auszubilden.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung. Twitter: @MartinaMara

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Artikel Martina Mara 12. August 2017 - 00:04 Uhr
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