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Was bleibt von uns in 200 Jahren?

Die folgenden Zeilen entstehen im Halbdelirium. Das muss ich vorwegschicken. Aber wenn wie an den vergangenen fünf Tagen das Ars Electronica Festival über Linz schwirrt, herrscht bei mir ein veritabler Ausnahmezustand: Viel zu wenig Schlaf, viel zu viel (oder doch zu wenig?) Koffein, dafür Hunderte spannende Menschen und noch mehr inspirierende Kunst- und Technologieprojekte.

Was bleibt von uns in 200 Jahren?

Bild:

Haben Sie etwa den Maler Dragan Ilic gesehen, der sich mit Pinselapparatur bestückt von einem exorbitanten Industrieroboter über seine Leinwand fliegen ließ? Oder das Pop-Up-Labor des Projekts Assisi, in dem Bienen- und Fischschwärme lernen, miteinander zu kommunizieren? Oder die 100 Weltrekord-Drohnen, die am Samstagabend dreidimensionale Leuchtfiguren in den Himmel zauberten (Applaus, Applaus, liebe Kollegen)? Neben all den kreativen Glanzleistungen hat aber auch eine Person nachhaltig Eindruck bei mir hinterlassen: Hiroshi Ishii, Professor am renommierten MIT Media Lab in Boston und als Papa der "Radical Atoms" – einem visionären Konzept formwandelnder Materie – Titelgeber der diesjährigen Ars Electronica. Ich durfte den 60-jährigen Star der Tech-Szene durch das Festivalgelände führen. Und ich muss sagen, selten hat mich das Naturell einer solch honorigen Persönlichkeit derart überrascht. Keine Spur von Arroganz, keinerlei "Been there, done that"-Fadesse. Vor Neugierde übersprudelnd ist der japanische Professor stattdessen durch die Gänge der Post City gewieselt, mit einem begeisterten Funkeln in den Augen, wie man es Kindern normalerweise spätestens im Mittelschulalter abtrainiert. Ishii war es, der junge Medienkünstler um ein gemeinsames Foto bat. Ishii war es, der stets die Arbeit seiner Studenten in den Vordergrund stellte.

Er sei nicht nach Linz gekommen, um Lorbeeren einzuheimsen, sondern um Inspiration und Kritik an seinen Ideen zu erfahren, sagte er. Und es klang gar nicht nach Selbstinszenierung. Dieser Spirit sollte ansteckend sein. Am besten hochinfektiös, sodass nicht mal die gängigen Gegenmittel politischer und wirtschaftlicher Machtzentren anschlagen.

Ishii ist berüchtigt dafür, seine Studenten und sich selbst regelmäßig mit folgender Denkaufgabe zu plagen: Welchen Einfluss hat das, was ich tue, auf die Menschen, die erst geboren werden? Was bleibt von mir in 200 Jahren?

Wie gern würde ich diese Fragen so manchem als Bildschirmschoner installieren. Vielleicht gelänge es dadurch, zumindest in Einzelfällen, sich geistig auch mal über den nächsten Quartalsabschluss, die nächste Legislaturperiode oder die nächste Klebstoffkrise hinauszuwagen. Das wär doch was. So. Frau Mara meldet sich nun ab zum Schlafen. Amen.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zu Mensch-Roboter-Beziehungen.

Die OÖN-Kolumnistin führt von 27.-29. September am AEC eine Studie zur Bewertung eines neuen Service-Roboters durch. Dafür werden noch Teilnehmer gesucht! Mehr Infos und Anmeldung unter folgendem Link: http://www.aec.at/futurelab/studie/

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Artikel Martina Mara 13. September 2016 - 00:04 Uhr
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