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Unser täglich Bot

Im Sommer 2015 gab es einen Eklat um die amerikanische Seitensprung-Vermittlung Ashley Madison: Hacker veröffentlichten nicht nur Millionen von Userdaten, sondern auch Teile des Quellcodes der Online-Plattform.

Dabei stellte sich heraus, dass hinter 70.000 der angeblich so anbandelbereiten Nutzerinnen gar keine echten Frauen, sondern aufs Flirten spezialisierte Computerprogramme steckten. Mit zahlenden Männern chatteten diese aber so überzeugend, dass viele ihre teuren Madison-Abos nur der charmanten Bots wegen verlängerten.

Nun mag die Techtelmechtelanbahnung nicht die komplexeste Form des interpersonellen Zwiegesprächs sein. Trotzdem halte ich es für spektakulär, wie leicht man sich in der selbstverständlichen Annahme eines menschlichen Dialogpartners im Internet offenbar reinlegen lässt.

Daher bringe ich dieses Beispiel immer gerne, wenn das Gespräch auf Existenz und Effekte sogenannter Social Bots kommt. Gerade in beginnenden Wahlkampfzeiten fragen sich einige, ob in den sozialen Medien längst nicht auch robotische Quasselstrippen österreichischen Ursprungs aktiv sind. Für politische Kampagnen scheinen sie jedenfalls prädestiniert: Laut Oxford University sollen bis zu 37 Prozent der Pro-Trump-Tweets und 22 Prozent der Pro-Clinton-Tweets im US-Wahlkampf von Software-Robotern gepostet worden sein.

Social Bots können aber auch Stimmung gegen etwas machen. Vorstellbar anhand eines analogen Exempels: Nehmen wir an, ich sitze im Kaffeehaus und unterhalte mich über Thema X, sagen wir: Obstsorten. Ich also: "Marillen find’ ich gut." Bei einer Horde Anti-Marillen-Bots schrillt auf das Stichwort hin sofort der Alarm. Als Kaffeehausbesucher verkleidet beamen sie sich an meinen Nebentisch. "Marillen ... mir graust!", wettert der eine. "Wäh, die pelzige Haut", der andere. "Tun, als kämen sie aus der Wachau, dabei sind die meisten Ungarn", der dritte. Simpleren Bots sind solche Sprüche vorgegeben. Die schlaueren zimmern sich diese auf Basis geeigneter Webinhalte allerdings selbst zusammen und machen auf Twitter oder Facebook sogar Rechtschreibfehler, um menschlicher zu wirken.

Wie viele Social Bots im Einsatz sind und welche Auswirkung sie auf Themensetzung und Meinungsbildung haben, ist – man muss es zugeben – noch extrem schwierig zu erfassen. Die österreichischen Parteien zumindest weisen jeglichen Gebrauch automatischer Plapperagenten von sich. Nichtsdestotrotz lohnt es, als User kritisch zu hinterfragen, wer eigentlich am anderen Ende des Glasfaserkabels sitzt. Ob Online-Dating, Politdebatte oder Werbung – es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch deutschsprachige Bots ihr Unwesen treiben.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung. Twitter: @MartinaMara

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Artikel Martina Mara 22. Juli 2017 - 00:04 Uhr
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