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Spinnert

Am vergangenen Sonntag saß ich im Gastgarten der Schladminger Schaf-Alm und ließ auf meiner Nase einen Propeller balancieren. Und mit Propeller meine ich: Fidget Spinner.

Und mit Fidget Spinner meine ich: das Spielzeug des Sommers 2017. Das Spielzeug. Im Prinzip ein flacher Handkreisel aus Plastik oder Metall, gemacht zur Verbesserung von Konzentration und Fingerfertigkeit, zu haben ab zwei Euro. Wohin man schaut, erfahren die Dinger derzeit so viel physische Zuwendung wie sonst nur Touchscreens oder Frischverliebte. Kinder und Jugendliche süchteln ab auf Fidget Spinner. Hipster auch. Selbst Falter-Chefredakteur Florian Klenk twitterte dieser Tage ein einschlägiges Obsessionsbekenntnis.

Mein Selbsttest auf der Alm fand glücklicherweise unter Aufsicht zweier Top-Experten der angewandten Spinneristik statt: meiner Nichte A., 9, und meines Neffen E., 11 Jahre. Im Investigativdienst an Ihnen, liebe Leserschaft, versuchten wir, den Hype empirisch zu durchsteigen. "Wie viele Fidget Spinner haben eure Schulkollegen denn so?", befragte ich die beiden und erfuhr, dass zehn Stück durchaus im Rahmen sozial tolerierter Nicht-Angeberei wären. "Nur die D., die hat in der Schule total angegeben", wendet A. ein. "Die hat gesagt, dass sie vier LED-Fidget-Spinner kriegt. Ich mein’: vier mit LED!" Man lerne: Leuchtfunktion erhöht die mittlere Attraktivitätswahrnehmung signifikant, steigt dadurch natürlich auch die visuelle Dramatik der Fidget-Spinner-Tricks.

Für die richtig Coolen ist bloßes Däumchendrehen nämlich nichts: "Manche stapeln mehrere Fidget Spinner übereinander und balancieren sie auf der Stirn oder am Knie", erzählt E. begeistert. Und dann, die Frage aller Fragen: Was findet ihr an Fidget Spinnern eigentlich so super? A. denkt lang nach und seufzt: "Das kann man leider nicht gut erklären."

Meine Nichte hat recht. Trends sind schwer erklärbar, und Jugendtrends aus Erwachsenenaugen erst recht. Daher werden sie oft als Blödsinnigkeiten abgetan. Aber erinnern Sie sich? In den frühen Neunzigerjahren haben wir uns ständig linealartige Dinger ums Handgelenk geschnalzt. Uns im regressiven Plemplem-Kollektiv Neonschnuller um den Hals gehängt. Dagegen sind Fidget Spinner mit ihrer motorisch-kreativen Anforderung pädagogische Highlights, noch dazu gänzlich analog in digitalen Zeiten. Lassen wir den Kids also die Spinnerei.

Mir persönlich ist der Fidget Spinner auf der Alm gezählte zwölf Mal von der Nase gefallen. Ich werde mir im Internet daher doch lieber eine Packung Schnalzarmbänder bestellen. Acht Stück um fünf Euro. Das wird derartig retro-hipstrig, ich freue mich schon auf die neidischen Blicke aller Enddreißiger-Eltern.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung. Twitter: @MartinaMara

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Artikel Martina Mara 20. Juni 2017 - 00:04 Uhr
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