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Nimmt uns die Technik zu viel ab?

Gehen durch den Gebrauch technischer Hilfsmittel menschliche Fähigkeiten verloren? Das ist eine Frage, mit der ich laufend konfrontiert werde. Sie scheint viele zu beschäftigen.

Die einen erinnern sich stolz daran, wie Telefonnummern in der Prä-Handy-Ära aus dem Gedächtnis ab- und angerufen wurden und sorgen sich über eine "digitale Demenz" junger Google-Gewöhnter. Andere beschweren sich darüber, dass kaum jemand mehr ordentlich Straßenkarten lesen kann, weil das Navi stets zur Stelle ist. Oder sie prophezeien mit Unbehagen, dass durch das Aufkommen autonomer Fahrzeuge bald niemand mehr selbst ein Auto lenken können wird. Die Hedonisten unter den Kulturpessimisten beunruhigt indes, dass der Homo Digitalis nichts mehr dem Zufall überlassen kann, dass es kein intuitives Entdecken mehr gibt, weil selbst das Herbergszimmer im Dschungel Thailands vor dem Start der Rucksacktour per 360-Grad-Ansicht am Bildschirm vorbegutachtet wird.

Wissen Sie was? Vieles davon stimmt. Natürlich werden weniger Menschen einen Führerschein machen sobald Robotertaxis in der Breite verfügbar sind. Natürlich lässt sich schon heute kaum eine Person finden, die mehr als drei Telefonnummern auswendig kann. Aber gleichzeitig stellt sich die Frage, ob uns diese verlustig gehenden Kompetenzen tatsächlich so viel bedeuten, wie wir es manchmal darstellen. Ich selbst habe in einer früheren Kolumne einmal sentimental über das drohende Ende der Schrift geschrieben. Ganz ehrlich: Kein Mark Zuckerberg dieser Welt hält mich davon ab, ein Notizbuch mit Ledereinband zu führen und meinen Lieben handschriftliche Briefchen zu schicken. Trotzdem tue ich es in der Regel nicht. Offenbar reicht meine Motivation dafür am Ende eben doch nicht aus. Offenbar bringt mir die digitale Kommunikation am Ende eben doch den größeren Nutzen. Die Quintessenz dabei: Wem der Erhalt einer Fähigkeit besonders viel bedeutet, der soll sie doch bitte ausüben. Meine beste Freundin etwa verzichtet strikt auf Google Maps, weil es ihr wichtig ist, sich auch ohne technische Assistenz gut orientieren zu können. Niemand hat sie jemals schief angeschaut deswegen.

Im Übrigen befürchte ich, dass uns die falschen Dinge Sorgen bereiten. Viel zu selten wird in dieser Debatte nämlich die Relevanz sozialer Fähigkeiten thematisiert. Dabei wäre deren Verlust die wahre Katastrophe: Wenn Menschen einander nicht mehr zuhören, nicht mehr miteinander reden, sich nicht mehr ineinander einfühlen könnten. Hier geht es um jene Kompetenzen, die uns als Menschen ausmachen und die wir niemals in Technik outsourcen sollten. Ob wir dabei ein bisschen besser oder schlechter kopfrechnen, ist zweitrangig.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung. Twitter: @MartinaMara

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Artikel Martina Mara 10. Februar 2018 - 00:04 Uhr
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