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Fernsehen war gestern

Achtung. Es folgt ein Outing als Super-Retro-Medien-Urgesteins-Konsumentin: Ich sehe noch fern.

Fernsehen war gestern

Bild:

Ja echt, ich gebe es zu, ich komme manchmal heim und schalte mit Freude den Fernseher ein. Dem Kabel-TV habe ich entsagt, aber die ZiB 2 schaue ich mir fast täglich an. Manchmal auch gern die Millionenshow. Oder den ABC Bären, auf Gesuch der Nachfahrin.

Mit dieser TV-Nutzung stehe ich allerdings recht alleine da in meiner Peer Group. Mein Bruder, meine beste Freundin, fast alle meiner jüngeren Arbeitskollegen: Komme ich bei denen mit Fragen à la "Hast du gestern den Petzner bei Stermann und Grissemann gesehen?" an, ernte ich oft verwirrte Blicke. Die besitzen nämlich überhaupt keine Fernseher mehr. Die haben stattdessen YouTube-Kanäle abonniert. Die streamen amerikanische Independent-Serien zwecks Binge Watching in der Originalversion. Und schauen die Zeit im Bild höchstens mal über die TVthek an, am Handy in der Straßenbahn.

Die fetten Jahre des Fernsehens sind vorbei. Das ist mittlerweile auch bei den Fernsehmachern bekannt, die nun am Erhalt ihrer Selbstlegitimation arbeiten müssen. Keine einfache Aufgabe, denn womit sie jahrzehntelang Quote machten, zieht bei der jungen Zielgruppe ja offenbar nicht mehr. Diese hängt stattdessen in Social Media ab, weswegen auch das Ziel für Öffentlich-Rechtliche lautet, mehr so wie YouTube, Twitch oder Snapchat zu werden. Quasi nach dem Motto: Sind wir auf den Handys, sind wir in den Herzen.

Beim ORF sieht die Übersetzung davon beispielsweise aus wie die ZiB100, die im telefontauglichen Hochformat daherkommt. Oder wie "Pregau", der interaktive Leichen- und Inzest-Vierteiler, der heute Abend ins Finale geht. Als Transmedia-Projekt werden verschiedene Facetten der Pregau-Story auf verschiedenen Kanälen erzählt, via App etwa oder dem Video-Tagebuch einer Serienfigur. ARD und ZDF strahlen die Inhalte ihres brandneuen Jugendangebots "Funk" gleich ausschließlich über Web und Social Media aus. Mit einem Budget von 45 Millionen Euro holen sie bekannte YouTube-Stars an Bord, die unter dem öffentlich-rechtlichen Dach nun immer noch nach eigenem Schnabel produzieren, zum Überleben aber keine Werbeprodukte mehr in die Kamera halten müssen.

Ich finde diese Versuche gut, insbesondere jene, bei denen junge Leute im Teamwork mit erfahrenen Redakteuren kreativ sein dürfen. Als antiquierte Fernsehtante hoffe ich dennoch, dass es auch in Zukunft noch einige dieser fast magischen TV-Ereignisse geben wird, bei denen man genau weiß, dass Hunderttausende Menschen im gleichen Moment das Gleiche sehen. Das hat dann eben doch nochmal eine ganz eigene Energie. Auch wenn es ein bisschen Retro ist.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung

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Artikel Martina Mara 04. Oktober 2016 - 00:04 Uhr
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