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Der trügerische Punschstand-Phlegmatismus

Wir befinden uns in Kalenderwoche 49/2016. Auch bekannt als: Die erste Woche diesen Jahres, in der kein Wahlkampf herrscht.

Oh my. Es ist eine derartige Befreiung, man möchte sich eigentlich in den imaginären Schnee schmeißen und mittels wildem Armrudern Engelsflügel simulieren, wie das beschwingte Familienmitglieder in der Werbung manchmal machen.

Jetzt, wo die Hofburgsbataille abgehakt ist (und diesmal offenbar auch wirklich liegt, was pickt), dürfen wir den lieben Advent endlich so richtig ansagen. Soziale Grabenkämpfe, interessieren die so kurz vor Ladenschluss überhaupt noch jemanden? "War is over, if you want it" singt John Lennon schließlich aus den Lautsprechern am Christkindlmarkt und selbst die größten Hatespeech-Trolle der vergangenen Wochen posten schön langsam Handyfotos von Beleuchtungsszenarien und Nadelbäumen.

Unabhängig davon, wie man zum Ausgang der Bundespräsidentschaftswahl stehen mag, freuen sich viele allein schon deshalb darüber, weil die permanenten Hacheleien des längsten Wahlkampfes ever vorüber sind. Eine kleine Verschnaufpause muss doch jetzt auch mal drin sein, denkt man sich. Die haben wir uns redlich verdient. Ja, klar! Trotzdem darf man nicht einfach ausblenden oder gar vergessen, dass während des Wahlkampfs auch ganz schön grausige Dinge passiert sind.

Österreicherinnen und Österreicher, die nun vielleicht Seite an Seite Bratwürstel essen, haben sich im Netz in Rage kommentiert, haben einander mitunter sogar Mord und Totschlag an den Hals gewünscht. Kritische Journalisten, vor allem aber Journalistinnen, wurden in den sozialen Medien eingeschüchtert und bedroht, zum Teil über fingierte User-Profile, deren einziger Zweck im Anheizen solcher Shitstorms lag. Online wie offline hat sich daneben ein demagogisches Mediennetz zusammengesponnen, das sich gern als unabhängige Alternative zu den sogenannten Systemmedien präsentiert, während es selbst ungeniert Politpropaganda zwischen Welpengeschichten oder frei erfundene Hollywood-Interviews streut. Nur, weil die Politduelle nun offiziell in den Standby-Modus gewechselt sind, verschwinden all diese Phänomene nicht. Spätestens vor der nächsten Nationalratswahl wird der Hass wieder ganz oben in die Newsfeeds gespült werden. Wir wären daher gut beraten, die bevorstehende Winterruhe für die Entwicklung von Gegenstrategien zu nutzen. Das vielzitierte Zuschütten der Gräben, nicht zuletzt jener im Internet, wird dabei eine der wichtigsten Herausforderungen des neuen Staatsoberhaupts sein. Mit dem filterblasenübergreifenden Zusammenrücken am Punschstand ist es wohl nicht getan.

Martina Mara ist ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung

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Artikel 06. Dezember 2016 - 00:04 Uhr
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