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Der Lauschangriff des Klos

Vergangene Woche war es wieder einmal so weit: Die weltgrößte Elektronik-Messe CES läutete in Las Vegas das neue Jahr der IT-Branche ein.

Tausende Aussteller präsentierten hunderttausenden Besuchern ihre Produktvisionen: Smarte Dinger zum Herumtragen, smarte Riesenfernseher zum sich Berieseln lassen, smarte Heime zum darin Wohnen.

Relativ unsmart und ziemlich alt sah dabei die CES-Organisation selbst aus: Der Anteil weiblicher Vortragender – Keynotes sind traditionell ein wichtiger Teil der Messe – lag bis kurz vor dem Start bei null, dafür tanzten an den Stangen einer Bar Roboter-Stripperinnen. Am Mittwoch fiel dann mehrere Stunden lang auch noch der Strom in der Haupthalle aus und Medien wie der deutsche Spiegel witzelten: Das wertvollste Gadget auf der wichtigsten Tech-Messe 2018? "Die Taschenlampe!".

Das, was an den anderen Messe-tagen auch ohne Taschenlampe zu sehen war, machte aber schnell deutlich: Der Haupttrend heißt Sprachsteuerung. Geht es nach den führenden Anbietern, sollen wir künftig mit allem palavern, was nicht Mund und Ohren, dafür aber Mikrofon und eine Direktleitung zu einem Großkonzern besitzt. Der Siegeszug der Alexas, Siris und Cortanas – als Chatbots sind der Ingenieurswelt Damen dann offenbar doch recht – wird emsig vorbereitet. Die Sprachassistentinnen wurden bei der CES nicht mehr nur in Form originärer Produkte wie dem Echo Dot vorgeführt, sondern integriert in unzähligen Alltagsgeräten, darunter Badezimmerspiegel, Backöfen oder Toiletten. Yes. Das Klo, das lauscht und spricht. Wer hat nicht darauf gewartet? Endlich "Alexa, spül das Häufchen runter" sagen können und es auf die mutmaßliche Antwort – "Das habe ich leider nicht verstanden" – hin noch lauter und deutlicher wiederholen. Da kommen schöne Szenen auf uns zu, in Privathaushalten wie in öffentlichen Toilettenanlagen. Verständnisvolles sich Zunicken beim sensorgesteuerten Seifenspender im Einkaufszentrum. Jaja, mich hat das Klo auch nicht gleich verstanden. Eine Renaissance der Menschlichkeit, powered by Amazon.

Ebenfalls nicht zu verachten: All die Vorteile, die Endverbrauchern durch die Analyse persönlicher Klodaten zukommen werden. "Kunden mit ihrem Spülverhalten haben das WC Ente Frischesiegel 10er Pack gekauft". Schwupps, schon bestellt. Brave Alexa.

In einer Diskussionsrunde zur Sinn- und Unsinnhaftigkeit neuer Technologien, nicht in Las Vegas sondern im Lavanttal, kam mir kürzlich Folgendes zu Ohren: "Mit der Technik ist es wie mit dem Himalaya. Alle wollen hinaufkraxeln, nur weil er halt dasteht", sagte ein Teilnehmer dort. Eine Parabel, die auf manches Produkt der Digitalisierung durchaus zutrifft.

 

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung. Twitter: @MartinaMara

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Artikel Martina Mara 13. Januar 2018 - 00:04 Uhr
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