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Bullshit-Bingo für Zukunftsversteher: Ein Kompaktkurs

Kennen Sie Bingo? Also die kleine Schwester von Lotto, bei der jemand laut Zahlen ausruft, die man nacheinander vom Spielschein streicht?

Bullshit-Bingo für Zukunftsversteher: Ein Kompaktkurs

Bild:

Je mehr und schneller, desto besser? Glauben Sie mir, dieses Spiel existiert nicht nur mit Zahlen. Politiker, Firmenchefs, Marketingexperten, Berater – viele von ihnen mimen den Bingo-Ansager liebend gerne in der zeitgeistigen Bullshit-Varian-te, Spielkategorie "Ich hab’ den Zukunftsversteher bei Humboldt gemacht". Wie das geht? Hier ein Kompaktkurs in fünf Schritten:

 

1. Benutzen Sie möglichst häufig und umgebungsübergreifend die immer gleichen Schlagworte. Übungsbeispiel: sechs Mal laut "Innovationskompetenz" sagen, drei Mal davon in der nächsten Besprechung, drei Mal an der Supermarktkassa.

2. Bedienen Sie sich vorzugsweise aus der lexikalischen Kiste vorausschauender Technologie-Affinität. Übungsbeispiele: "digitale Transformation", "disruptive Technologie", "Internet der Dinge" (keine Angst, Ihre Fachkenntnis tut nichts zur Sache).

3. Sprechen Sie Englisch. Das speaken nämlich die Start-ups im Silicon Valley und deren Mindset ist auch bei uns urgently needed. For training: "Big data", "networked", "cloud" (nicht zu verwechseln mit "crowd").

4. Beweisen Sie Nähe zu Informatik und Nerdtum, indem Sie viele Begriffe mit der Versionsnummer 4.0 versehen. Achtung: Tunlichst zu vermeiden sind die Versionsnummern 2.0 (so was von 2015!) und 3.0 (keiner weiß wieso!). Übungsbeispiele: "Industrie 4.0", "Mobilität 4.0", "Pyjamahose 4.0".

5. Erklimmen Sie den Rang des Bullshit-Meisters, indem Sie alle Schritte kombinieren. Übungsbeispiel für den nächsten Saunabesuch: "Digital Leadership 4.0 heißt, smart auf disruptive challenges zu antworten. Ohne Digital Leadership sind wir nicht fit for the future".

Hätte ich bei Podiumsdiskussionen, Pressekonferenzen oder Eröffnungsfeiern häufiger einen Bullshit-Bingo-Schein parat, ich könnte viele Kreuzerl machen. Dabei ist keiner der Trendbegriffe für sich allein stehend anrüchig. Im Gegenteil: Ich halte es sogar für notwendig, mehr statt weniger über die gesellschaftlichen Auswirkungen vernetzter Datensysteme und autonomer Maschinen zu sprechen. Werden die Begriffe aber zu oft und zu undifferenziert gebraucht, verschleißen sie zu rhetorischen Nebelgranaten, die über das bloße Experten-Etikett für den Sprecher kaum mehr Nutzen haben. Bis zu den wirklich wichtigen Fragen – wie die digitale Zukunft nämlich so gestaltet werden kann, dass sich unsere Kinder darin wohlfühlen – reicht die Diskussion dann selten. Dabei würde ich gerne mal bei Schlagworten wie "Lebensqualität" und "Lieblingsberuf" aufspringen und "Bingo!" rufen.

Martina Mara ist Medienpsychologin und forscht am Ars Electronica Futurelab zur Mensch-Roboter-Beziehung.

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Artikel Martina Mara 14. Februar 2017 - 00:04 Uhr
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