Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Sonntag, 22. Oktober 2017, 10:25 Uhr

Reichenau im Mühlkreis: 7°C Ort wählen »
 
Sonntag, 22. Oktober 2017, 10:25 Uhr mehr Wetter »
Startseite  > Meinung  > Blogs  > Architekturkritik

Heimvorteil statt grüner Wiese

Ein Betrieb läuft gut, die Struktur des Bestands behindert aber die Entwicklung. Was tun? Der Installateur Thumfarth in Grünbach bei Freistadt hat Architekten konsultiert.

Heimvorteil statt grüner Wiese

Altes und Neues sinnvoll und pragmatisch verbunden Bild: Kurt Hörbst

Wie bunte Osternester liegen sie im Grünen. Gewerbehallen und Shoppingkisten in Knallfarben machen sich längs der Schnellstraßen und Umfahrungsschneisen breit. Der Grund ist billig, die Gemeinde stellt Wasser, Energie und Asphalt bereit. Fertig ist der Standort für die frohe Zukunft.

Dass dabei bestehende Ortsstrukturen vernichtet werden, dass Aufschließungs- und Erhaltungskosten für Infrastruktur in unüberschaubarem Ausmaß wachsen, dass Erholungs- und Agrarflächen unwiederbringlich zurückgedrängt werden, dass ein wichtiger Teil der Firmenidentität verloren geht und auch der verlassene Bestand früher oder später Kosten verursachen wird, wird vor lauter Euphorie und Gründungseifer übersehen.

Gehen oder bleiben?

Auch der Installateur Thumfarth im Grünbacher Ortsteil Schlag (Bezirk Freistadt) stand vor der Entscheidung: An der Auffahrt zur frisch gewalzten S10 eine Halle bauen, energieoptimiert, praktisch und effizient? Ins Gewerbegebiet nach Freistadt ziehen? Oder doch am Standort bleiben, das Vorhandene nutzen, Arbeitsplatzqualität mit individueller Atmosphäre und Geschichte erhalten? Gemeinsam mit den [tp3] architekten aus Linz wurden die Potenziale vor Ort ergründet. "Hier war vieles schon da", sagt Architekt Markus Rabengruber und meint die nötige technische Infrastruktur genauso wie räumliche Qualitäten des ehemaligen Bauernhofs. Das Erweitern mit ganz einfachen, funktional bestimmten Mitteln ist typisch für das landwirtschaftliche Bauen. Diese pragmatische Haltung wurde von Rabengruber und Projektmitarbeiterin Melanie Pointner für das architektonische Konzept übernommen.

In einem ersten Schritt entstand hangseitig im Norden ein einfacher Hallenbau als Pfosten-Riegel-Konstruktion auf einem Betonsockel, die Fassadenschale aus sägerauen Lärchenbrettern, innen beplankt mit OSB-Platten. Das Gebäude wurde so positioniert und ausgestattet, dass ein weiterer Ausbau in Zukunft möglich wäre. Ergänzt wurde der Magazintrakt um einen Gemeinschaftsraum mit Küche und Umkleide. Das wird von der Belegschaft als halb privater, halb betrieblicher Aufenthaltsbereich gern genutzt. In der zweiten Bauetappe wurde der Kornspeicher über dem Bestandsgebäude entfernt, stattdessen ein Holzriegel für Verwaltung und Ausstellung aufgesetzt, mit breitem Fensterband nach Süden – in Anlehnung an das unmittelbar anschließende Wohnhaus mit ziegelgedecktem Satteldach.

Unsichtbare Architektur

Aufgabe war es, bei möglichst niedrigen Kosten und einem Maximum an betrieblicher Eigenleistung ein bestehendes Gebäude zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Es sollte in den inneren Abläufen bestmöglich funktionieren und sich nach außen freundlich präsentieren. Das bringt viele Herausforderungen mit sich. Die Substanz gibt einen Rahmen vor, der Kompromisse nötig macht. So mussten unterschiedliche Niveaus in der Hanglage miteinander verknüpft, geeignete Schnittstellen detailliert werden. Dort und da war Improvisation gefragt. Das Ideal einer bereinigenden Architektur wie aus einem Guss wäre hier verfehlt.

Wie so oft erschöpft sich die Leistung der Architektur nicht in dem, was sichtbar ist. Das gute Design beginnt bei der Entscheidung für den Standort, setzt sich fort in der dialogischen Entwicklung eines vernünftigen Raumprogramms und zeigt sich nicht zuletzt in der Gelassenheit des Architekten, der der Bauherrschaft dort und da gestalterischen Eigensinn zugesteht. Das stört den stimmigen Gesamteindruck in keiner Weise. Ein Vorbild ist das Projekt aber vor allem aus einem Grund, den Bauherr Thumfarth auf den Punkt bringt: "Der Schwerpunkt der Bautätigkeit muss sich künftig auf den Bestand konzentrieren, und weg von der grünen Wiese."

 

Daten und Fakten

Objekt: Installateur Thumfarth, Grünbach bei Freistadt Architektur: [tp3] architekten, Linz; Projektleitung Arch. Markus Rabengruber
Fachplanung: Statik: Holzbau Weglehner; HKLS: Thumfarth; Elektro: Pachner;
Ausführung: 2011 bis 2014 Nutzfläche: 420 m²
Baukosten: Magazintrakt: 900 Euro/m², Bürotrakt: 1400 Euro/m²
Bauweise: Holzbauweise (Pfosten-Riegel-Konstruktion auf Massivbestand/Innenausbau KLH), Holz-Alu-Fenster, Blechdach (Magazin) und Ziegeldach (Büro), geschliffener Betonboden, FB-Heizung über bestehende Hackschnitzelanlage;
Ausführung: Holzbau: Weglehner, Grünbach; Baumeister: Putschögl, Freistadt; Lagerhaus Bau-Service, Freistadt; Verglasung: Käferböck, Weitersfelden; Fenster: Pühringer, Freistadt; Dachdecker: Keplinger, Freistadt; Elektro: Pachner, Freistadt;

Kommentare anzeigen »
Artikel Tobias Hagleitner 26. März 2016 - 00:04 Uhr
Weitere Themen

Standardmenü in Holz

WELS/LINZ. Immer höher, immer öfter, immer mehr geht mit Holz. Aber geht auch geförderter Wohnbau? Ja.

Vom Leben auf dem Lande

LINZ. Ein altes Gehöft in Desselbrunn wurde in ein Wohn-Ensemble verwandelt.

Holzwürfel im Siedlungsteppich

TRAUN. Kubisch, flächig und komplett aus Holz. Ein einfaches Prinzip, das nur bei konsequenter Planung und ...

Eine Stadt ist mehr als Shopping

RIED IM INNKREIS. Das Logo der Weberzeile in Ried im Innkreis zeigt eine Silhouette kleiner Häuser.

Frauen in Architektur

“Ja, ich wünsche mir mehr Architektinnen, mehr weibliche Architektur!“, schreibt die Architektin Anna ...
Meistgelesene Artikel   mehr »
Bitte Javascript aktivieren!