23. August 2014 - 00:04 Uhr · Reinhold Gruber · Musik

"Ich bin berührbar und verletzlich geworden"

"Ich bin berührbar und verletzlich geworden"

Y’akoto ist eine Weltenbürgerin, verfügt über eine große Stimme und ein feines Gefühl für musikalische und textliche Inhalte. Bild: Warner

Zwei Welten zu kennen, weil man sie in gewisser Weise in sich trägt, ist kein Nachteil. Vor allem nicht für eine Kreative, eine Musikerin wie Y’akoto.

Die Mutter eine Deutsche, der Vater aus Ghana. Die 26-Jährige wurde in Hamburg geboren, wuchs aber als "Pendelkind" zwischen Deutschland und Afrika auf. So hat sie zwei verschiedene Lebenswelten erlebt, doch viel mehr hat sie das Pendel geprägt. Bis heute ist sie noch nicht wirklich sesshaft geworden. Fragt man sie nach ihrem Zuhause, dann bekommt man im Moment Hamburg, Paris und Lomé, die Hauptstadt von Togo, zu hören.

Noch sehnt sie sich nicht nach dem einen Zuhause, weil der Wechsel natürlich auch Niederschlag in ihrer künstlerischen Arbeit findet. "Moody Blues", ihr zweites, gestern erschienenes Album, ist das selbstbewusste Statement einer Frau, die sich ihre Gedanken über die Welt macht und musikalisch eine soulige Leichtigkeit nach außen trägt, um die man sie beneidet.

Die 26-Jährige, die als Nachwuchshoffnung des deutschen Soul gilt, drückt sich in ihrer Musik aus, spricht aber auch offen über ihre Gedanken und ihre Einschätzungen – hier wie dort.

So Spricht Y’akoto über...

... ihren Stil: "Ich weigere mich zu sagen, ich würde Soul-Musik machen, Soul-Seeking-Musik trifft es viel besser."

... ihre Vorbilder, nachdem sie gerne mit Nina Simone und Billie Holiday verglichen wird: "Es gibt natürlich Frauen, die meine Musik und die Art, wie ich Texte schreibe, inspiriert haben. Aber diese Frauen sind eher Sade, Beth Gibbons, Björk, Moloko und Joan Armatrading. Nina Simone hat mir dagegen immer ein bisschen Angst gemacht, wenn ich ehrlich bin. Bei ‘Mississippi Goddam’ habe ich mich immer gefürchtet, weil Simone da so wütend klingt. Ich habe mich mittlerweile mit Simone und auch Billie Holiday beschäftigt und bin natürlich angetan, dass ich mit diesen Frauen verglichen werde. Aber ehrlich: Das ist für mich eine ganz andere Liga."

... ihre neu gewonnene Sicherheit: "Niemand ist in der Lage, souverän mit fehlender Selbstsicherheit umzugehen – auch ich nicht. Aber ich habe diese Unsicherheit als Teil meiner selbst akzeptiert. Das bin eben ich. Seither ruhe ich in dieser Unsicherheit und verarbeite meinen Umgang damit in der Musik."

... die Zweifelhaftigkeit, die Leitmotiv ihres Albums "Moody Blues" geworden ist: "Ich habe mich komplett geöffnet, dadurch fließen sämtliche Eindrücke vollkommen ungefiltert durch mich hindurch. Ich spüre ganz viel und lasse viel mehr zu. Die künstlerische Auseinandersetzung mit den Selbstzweifeln von damals hat einiges bewirkt: Ich bin berührbar und verletzlich geworden. Das hat mich stark gemacht."

... ihre Liebe, Geschichten zu erzählen und dafür einen reduzierten Sound zu wählen: "Ich habe mir musikalisch in jungen Jahren die Hörner abgestoßen, wollte zwischen meinem 13. und 18. Lebensjahr immer nur ganz laute Musik spielen. Damals habe ich alles gemacht, was ich machen wollte, von Punk über Reggae bis Elektro. Dann wollte ich A-cappella-Künstlerin werden, habe mir eine Loopstation gekauft und habe ganz nach dem Vorbild von Camille gearbeitet. Jetzt tut es gut, aus meinem Projekt etwas ganz Intimes zu machen. Auf Abstand zu gehen, und sich wirklich nur auf die Essenz zu konzentrieren. Zudem mag ich Geschichten, die unterlegt sind mit Sound. Ich fand früher schon immer die Hörspiele gut, in denen viel Musik war, zum Beispiel ‘Peter und der Wolf’. Die neuen Sachen nur mit Sprechstimmen haben mich nie interessiert."

... das Lied "Off The Boat", in dem es um einen Flüchtling geht, der auf dem Meer stirbt: "Dieses Lied ist mir wichtig, obwohl ich es schon lange bevor die große Aufmerksamkeit hier in Europa auf das Thema gerichtet worden ist, geschrieben habe. Mich hat das Thema schon lange beschäftigt, weil ich zwischen zwei Kontinenten aufgewachsen bin. Das Lied lag so lange im Archiv, weil ich damit nicht zufrieden war. Ich hatte immer das Gefühl, die Musik nimmt der Geschichte einen Teil ihrer Intensität, bis mir klar wurde, dass es so sein sollte wie ein Lied, das die Sklaven bei der Arbeit gesungen haben. Nur mit Gesang und diesem dumpfen Knall, den man nun hört und für den ich mit dem Kochlöffel gegen mein Holzbett getrommelt habe. Diese reduzierte Form passt jetzt."

.. ihren Bezug zu Afrika: "Ich bin sehr regelmäßig in Westafrika und bewege mich dann nicht nur in der Mittelschicht. Dort erlebe ich diesen unglaublichen Drang, weg zu wollen, und zwar nicht aus emotionalen Gründen, sondern aus ökonomischen Motiven heraus. Es gibt auch hier in Deutschland unglaublich viele Menschen, die nicht am Ort ihrer Wahl sind, sondern an einem Ort, an dem sie eine Zukunft haben können. Dass die Welt so an den Menschen zerrt und sie herumstößt, das hat mich schon immer gepackt. Denn wie viel da auseinandergerissen wird, ist uns manchmal gar nicht bewusst. Dahinter sind Beziehungen und Familien."

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/musik/Ich-bin-beruehrbar-und-verletzlich-geworden;art543,1477388
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