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Computer mit Musikgeschmack als Konkurrenz zu Guetta

Wie Superstar David Guetta ist auch der Linzer Universitätsprofessor Gerhard Widmer ein Musikpionier. Der Wittgensteinpreisträger bringt Computern Schritt für Schritt menschliche Wahrnehmungsweisen von Musik bei. Guetta und mit ihm Tausende DJs müssen dennoch nicht um ihren Job am Plattenteller fürchten.

Computer mit Musikgeschmack als Konkurrenz zu Guetta

Die virtuelle Miku Hatsune gibt in Japan reale Konzerte. Bild:

Der Festsaal ist voll, das Publikum mucksmäuschenstill. Es lauscht der Pianistin, die Chopin zum Besten gibt. Das Umblättern der Notenblätter geschieht wie von Zauberhand, kein menschlicher Helfer blättert für die Klaviervirtuosin um. Ein Computer liest Note für Note mit, erkennt, falls notwendig, individuelle Tempoveränderungen und merkt sogar, wenn ein Takt wiederholt oder ausgelassen wird. Ein mechanischer Arm blättert im richtigen Moment zur nächsten Seite. Experiment geglückt.

Diese vollautomatische Umblätterhilfe ist nur eines unter vielen Musikprojekten von Widmer und seinem Team an der Johannes Kepler Universität. Der Informatiker spielt selbst Klavier, die Liebe zur Musik prägt bis heute seinen beruflichen Alltag in der Forschung: eine Welt voll Noten, Bits und Bytes.

Was sich im Fall des automatischen Umblätterns vielleicht wie eine Spielerei von Computerfachleuten anhört, hat einen tiefen Hintergrund: Widmer beschäftigt sich seit zwanzig Jahren Jahren mit künstlicher Intelligenz und vor allem mit dem Thema, wie Computer Musik wahrnehmen können. „Mittlerweile sind alle großen Unternehmen wie Apple, Google, Sony und Microsoft auf diesen Zug aufgesprungen und forschen selbst“, sagt Widmer. Aber das im Vergleich dazu kleine Institut in Linz habe die Nase vorne und zähle zur absoluten Weltspitze in diesem musikalischen Bereich der Informatik.

Ein durchschnittlicher Popsong mit drei Minuten Länge besteht aus 16 Millionen Zahlen und 254 Millionen Bits. Was wir ganz selbstverständlich beim Anhören eines Musikstücks wahrnehmen, bereitet Wissenschaftern häufig Kopfzerbrechen. „Wir wachsen mit Musik auf, erkennen spielerisch Tempo, Text, Rhythmus, einzelne Instrumente, vielleicht sogar Tonfolgen, ganze Akkorde“, sagt Widmer. Dazu kommen noch Lebenserfahrung und das Verknüpfen einzelner Lieder mit bestimmten Ereignissen, Orten, Situationen. Wenn zum Beispiel Robbie Williams beim ersten Kuss im Hintergrund von Engeln und ewiger Liebe trällert. Auf diesen Erfahrungsschatz können Computer nicht zurückgreifen. Unmusikalisch sind sie deshalb noch lange nicht. Mit Programmen aus Linz können Rechner heute beinahe in Echtzeit den Takt aus Musiktiteln filtern, eine Art „Super-Ipod“ namens „The Wheel“ erkennt Ähnlichkeiten von Musik, reiht automatisch entsprechende Songs aneinander. Konkret heißt das kein lästiges Suchen mehr in Unterordnern und Kategorien, sondern Musikauswahl per Steuerrad.

Die Feinabstimmung geht so weit, „dass Indierock von Metal- oder Hardrock vom Computer unterschieden werden kann“, sagt Widmer. Die Differenzierung zwischen Rap und Hip-Hop sei aber schon schwieriger. Ohnehin gehören Fehler zum Musik-Programm: So kann es passieren, dass auf ein Streichquartett von Mozart die Orchesterversion von „Nothing Else Matters“ der Rockgruppe „Metallica“ folgt. Was den einen stört, freut den anderen. „Die Technologie wird als Abenteuer verkauft, Stilbrüche sind nicht ausgeschlossen, können aber oft spannend sein, viele Nutzer lieben neue Kombinationen von Musik“.

Comicmädchen in der Hitparade

Nach ähnlichem Muster wurde auch der Soundpark auf der Internetseite des Radiosenders „FM4“ neu bepflanzt. Wählen Musikfans eine Nummer von österreichischen Nachwuchshoffnungen aus, schlägt ein Programm eines Mitarbeiters von Widmer automatisch fünf weitere, ähnliche Lieder vor.

Einen maschinelles Wunderkind namens „Deep-Blue-Mozart“ wird es wohl nicht so schnell geben. „Es gibt zwar Computerprogramme, die selbst komponieren, das bleiben aber blasse Kopien, die nicht ans Original heranreichen“, sagt Musikliebhaber Widmer.

Für den Pop-Bereich muss das allerdings nicht unbedingt gelten. „In Japan stürmt ein virtueller Star namens „Miku Hatsune“ aktuell die Hitparade. Die Fans des künstlichen Comicmädchens mit Computerstimme klicken ihre Videos auf „youtube“ Hunderttausende Male an.

Warum Superstar David Guetta trotz Computern mit eigenem Musikgeschmack nicht aufs Arbeitsamt marschieren, sondern das Linzer Stadion füllen wird, weiß Widmer auch und lacht verschmitzt. „Die Turntabels sind das Musikinstrument des 21. Jahrhunderts, nach wie vor braucht eine Erfolgsgeschichte auch ein Gesicht.“

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Artikel Martin Dunst 19. Februar 2011 - 00:04 Uhr
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