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Unser undurchschaubares Leben

Wie viel Welt passt in einen Roman? Dieser Frage stellte sich der ungarische Schriftsteller Péter Nádas, als er an seinem 1985 erschienenen, 1300 Seiten umfassenden Werk „Buch der Erinnerung“ arbeitete.

Unser undurchschaubares Leben

Péter Nádas will die Welt als Chaos erfahrbar machen. Bild: OÖN

Zur Gänze beantworten konnte er die Frage damals wohl nicht, denn ab 1987 unternahm er einen zweiten Versuch. Achtzehn Jahre schrieb er an „Parallelgeschichten“, der Roman liegt jetzt in deutscher Übersetzung auf 1724 Seiten vor. Die Leistung der Übersetzerin Christina Viragh kann man gar nicht genug loben.

Es ist aussichtslos, die Romanhandlung in Kürze zusammenzufassen, denn sie ist nicht nur zu umfangreich, sie ist auch dermaßen zersplittert, dass Zusammenhänge nicht in wenigen Sätzen herzustellen sind. Lediglich Hauptmotive und Hauptstränge kann man andeuten. Zu Beginn erweckt Péter Nádas beim Leser den trügerischen Eindruck, er habe es mit einem Kriminalroman zu tun. Ein junger Jogger findet im Winter 1990 im Berliner Tiergarten eine Leiche. Der Finder verhält sich merkwürdig. Ist er der Täter? Nehmen wir es vorweg, der Kriminalfall bleibt ungeklärt.

Schauplatzwechsel, Zeitenwechsel: Budapest im Jahr 1961. In der Familie Lehr wartet man auf den Tod des alten Professors Lehr, eines üblen Knaben, der zunächst bei den faschistischen Pfeilkreuzlern aktiv war, aber später eine Allianz mit den Kommunisten einging. Die Familiengeschichte seiner Frau Erna stößt die Tür auf zu den schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts: zu den Konzentrationslagern, zu den Menschenversuchen der „Rassehygieniker“. Erneuter Schauplatzwechsel: Die „rote Gräfin“ Mária Szàpary empfängt drei ehemalige Schulfreundinnen zum Bridge und kümmert sich um ihre Geliebte, die seit einem Gehirnschlag umnachtet im Rollstuhl sitzt. Die „rote Gräfin“ stellt die Verbindung zu einer weiteren Figur her: Dr. Irma Szemzö, Jüdin, Psychoanalytikerin, KZ-Überlebende, Verliererin in jedem System. Über sie lernen wir den Architekten Alajos Madzar kennen – und so weiter…

Péter Nádas geht es darum, die Welt als Chaos erfahrbar zu machen. Jede Romanfigur nimmt nur wahr, was in ihrem Umfeld erkennbar wird, und interpretiert das eigene Leben aus diesem Zusammenhang; sie blendet aus, dass jedes Leben in ein Netzwerk der Abhängigkeiten verstrickt ist, das im Verborgenen wirkt. Das Chaos der Geschichte schreibt sich in die Körper ein. Geburt – Körper – Tod ist eine dominante Motivkonstellation in „Parallelgeschichten“. Die menschliche Welterfahrung erfolgt über die Sinne – von sexueller Lust bis zum Erleiden von Gewalt.

Dem Leser ist anzuraten, einen etwas längeren Urlaub anzutreten und sich täglich in mehrstündiger Lektüre in diese „Parallelgeschichten“ zu vertiefen. Bei häppchenweiser Lektüre kommt der rote Faden, den es in dieser Form ohnedies nur bruchstückhaft gibt, völlig abhanden. Damit scheint eines geklärt zu sein: Mehr Welt verträgt die Romanform nicht mehr. Péter Nádas hat jetzt schon die Grenze etwas überschritten.

 

Das Buch: Péter Nádas: „“Parallelgeschichten“. Roman. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Rowohlt, 1724 Seiten, 39,95 Euro.

 

Peter Nadas

OÖN-Bewertung: Fünf von sechs Sternen

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Artikel Christian Schacherreiter 09. Mai 2012 - 00:04 Uhr
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