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Eine packende Geschichte

Es ist nahe liegend, sein eigenes Fleisch und Blut mit ganz eigenen Augen zu sehen. Doch wie lange kann man die Augen vor einer Realität verschließen, auf die man regelrecht mit der Nase gestoßen wird?

Es ist nahe liegend, sein eigenes Fleisch und Blut mit ganz eigenen Augen zu sehen. Doch wie lange kann man die Augen vor einer Realität verschließen, auf die man regelrecht mit der Nase gestoßen wird? Wie lange versucht man die vermeintliche Normalität aufrecht zu erhalten? In einem meisterhaften Stück voll fesselnder Spannung, subtilen Zwischentönen und raffinierten Stimmungswechseln erzählt der US-Amerikaner William Landay von dem Dilemma, in dem ein versierter, hoch geachteter und erfolgreicher Staatsanwalt steckt.

Der Anfang: „Vor der Grand Jury. Mister Logiudice: Nennen Sie uns bitte ihren Namen. Zeuge: Andrew Barber. Mister Logiudice: Welchen Beruf üben Sie aus? Zeuge: Ich war zweiundzwanzig Jahre lang Staatsanwalt in diesem Verwaltungsbezirk. Mister Logiudice: Das waren Sie. Und welchem Beruf gehen Sie zurzeit nach? Zeuge: Ich bin gewissermaßen arbeitslos, das wäre wahrscheinlich die zutreffende Formulierung.

Die Geschichte: Ein toter Schüler. 13 Jahre alt. In einem Freizeitpark ermordet. Durch drei Messerstiche. Andrew Barber, erfolgreicher Staatsanwalt, übernimmt den Fall. Dass es sich um einen Jugendlichen jener Schule handelt, in die auch sein Sohn geht, macht ihn eine Spur befangener. Denn sein Sohn kannte den Toten auch, die beiden hatten Streit, weil Jacob Barber vom Toten gemobbt wurde. Doch dass sein Sohn der Hauptverdächtige sein soll, will dem Staatsanwalt nicht in den Kopf. Und weil eine solche Tat für ihn so unvorstellbar wäre, setzt er alle Hebel in Bewegung, um zu beweisen, dass sein Sohn nichts mit der Tat zu tun hat. Barber gerät in einen Strudel aus Verdächtigungen, unbewiesenen Thesen und Zweifeln und muss sich zudem noch seiner eigenen Vergangenheit stellen.

Das Ende: Als der Wagen abhob und sich überschlug, der Motor heulte und Laurie aufschrie - das alles dauerte nicht länger als eine Sekunde -, dachte Jacob bestimmt an mich. Ich, der ihn als Baby in den Armen gehalten und ihm in die Augen geschaut hatte-, und er begriff bestimmt, dass ich ihn liebte, dass ich ihn, egal, was auch passiert war, bis zu seinem letzten Atemzug geliebt habe.

Das Fazit: „Meisterhaft“, urteilte die New York Times über den Thriller von William Landay. Mit Recht. Landay, selbst Anwalt, weiß, wie man ein Puzzle zusammen fügt. In „Verschwiegen“ geht es aber mehr als „nur“ um einen Mordfall. Vielmehr schafft es der Autor, in packendem Stil einen Kriminalfall zu schildern und dazu noch sehr allgemeinen Fragen des Lebens miteinander auf den Grund zu gehen. Wie viel wissen wir voneinander? Ist Schweigen eine Lösung von Problemen? Ist es möglich, dass eine bestimmte Energie in den Genen weitergegeben wird? „Verschwiegen“ ist ein grandioser Thriller, der bis zum Ende nicht an Tempo und Spannung verliert.

William Landay: „Verschwiegen“, Thriller, 478 Seiten, erschienen im Verlag Carl’s Books, 15,50 Euro

 

William Landay

 

 

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Artikel Reinhold Gruber 25. Mai 2012 - 00:04 Uhr
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