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Der Mensch in seinem Wahn

Was verbindet Bruno Kreisky mit Tennessee Williams, Franz Fuchs mit Elias Canetti, Ivica Osim mit Simon Wiesenthal? Nicht viel – abgesehen davon, dass sie alle Männer sind und dass sie im neuen Buch von Gerhard Roth vorkommen.

Der Mensch in seinem Wahn

Die 16 Porträts verraten auch viel über ihren Autor: Gerhard Roth. Bild: APA

Es trägt den Titel „Portraits“ und beinhaltet 16 hervorragende Essays, in denen Roth über Männer schreibt, die ihn beschäftigt haben, zum Teil auch durch direkte Begegnungen.

Die Professionen reichen vom Politiker über den Künstler und den Fußballtrainer bis zum Bombenbastler. Alle Texte sind schon einmal publiziert worden, der älteste Beitrag stammt aus dem Jahr 1976 (über André Heller), der jüngste aus dem Jahr 2010 (über August Walla, Kunstschaffender und Bewohner der Nervenheilanstalt Gugging).

Trotz eines Entstehungszeitraums von mehr als 30 Jahren sind erstaunliche Kontinuitäten feststellbar. Gerhard Roths Interesse gilt den Grenzbereichen, den ungesicherten Lebensregionen, wo das Normale ins Exzentrische kippt, Vernunft und Wahnsinn, Realität und Traum ineinanderfließen, Leben und Tod aufeinandertreffen. Dass der Kunst dabei eine herausragende Rolle zukommt, liegt auf der Hand. Der Essay über Vincent van Gogh ist ein Porträt des „extremen Künstlers“, der über sich selbst sagt: „Ich fühle, dass ich bis zur Vernichtung und völligen körperlichen Leere schaffen muss.“ Franz Fuchs und Franz Gsellmann stammen aus der Gegend, in der Gerhard Roth das halbe Jahr verbringt, aus der Südsteiermark. Roth widmet ihnen sozialpsychologische Studien. Der 1981 verstorbene Gsellmann baute auf seinem Bauernhof eine „Weltmaschine“, eine phantastische Konstruktion aus Rohren, Motoren, Glühbirnen, Autozubehör, Gegenständen unterschiedlichster Art von der gläsernen Marienfigur bis zum Hula-Hoop-Reifen. Diese funktionierende, aber funktionslose Weltmaschine weist Gsellmann als technisch begabten Autodidakten aus. Diese Begabung teilte er mit dem Briefbombenattentäter Franz Fuchs. Ebenso teilte er mit ihm den Status des Sonderlings, lebensuntüchtig und unfähig, soziale Beziehungen aufzubauen. Bei Fuchs führte diese Konstellation zur Katastrophe.

Sieben Autorennamen findet man in den „Portraits“. Überaus erhellend ist Roths unaufgeregter Blick auf Thomas Bernhard. Die Wut des Boulevards und der Stammtische über den „Nestbeschmutzer“ aus Ohlsdorf ist längst Vergangenheit, es dominiert die Bernhard-Adoration, auch (oder gerade) in konservativ bürgerlichen Kreisen, von Wien über Gmunden bis Salzburg. Roths kritischer, aber respektvoller Zugang würdigt das Bleibende an Bernhards künstlerischer Leistung, klärt aber auch elementare Problemstellen.

Wahnsinn und Tod

Die Erinnerungen an Begegnungen mit Elias Canetti fokussieren abermals die Motive Wahnsinn und Tod, typisch für Canetti, aber auch typisch für seinen Porträtisten. Überhaupt haben es diese klugen und stilistisch so schönen Essays an sich, dass wir beim Lesen nicht nur der Gedankenwelt der Porträtierten nahekommen, sondern auch der von Gerhard Roth. Und das hat sich immer noch als ideeller Gewinn erwiesen.

Das Buch: Gerhard Roth: „Portraits“, S. Fischer, 317 Seiten, 20,60 Euro

 

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Gerhard Roth
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Artikel Christian Schacherreiter 23. Mai 2012 - 00:04 Uhr
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