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Autobiographie des Menschen

In ihrem neuem Buch wirft Mikrobiologin Renée Schroeder einen Blick zurück auf den Werdegang des Menschen und einen Blick in seine Zukunft mit der zentralen Frage: Was will der Mensch?

Autobiographie des Menschen

"Jetzt im 21. Jahrhundert haben wir die Werkzeuge in der Hand, um uns tatsächlich neu zu erfinden – und zu gestalten." Renée Schroeder, Mikrobiologin, Wissenschafterin des Jahres 2002 und 2012, sowie Buchautorin Bild: E&A

Schroeders These für ihr neues, wie die Vorgänger wieder mit der Journalistin Ursel Nendzig geschriebenes Buch, ist, dass der Mensch durch seine Erfindungen seit rund 70.000 Jahren seine eigene Evolution mitgestaltet, ja, sich seit 70.000 Jahren selbst erfindet. "Jetzt, im 21. Jahrhundert, haben wir die Werkzeuge in der Hand, um uns tatsächlich nachhaltig neu zu erfinden – und zu gestalten", schreibt Schroeder.

So weit, so interessant ist Schroeders Ansatz, naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen dahingehend zu analysieren, wie sie die Evolution des Menschen beeinflussen. Dazu holt sie weit aus, beginnend mit der Erklärung, wie komplexe Systeme wie das Universum oder das Leben aus einfachen Elementen und Ereignissen entstehen können, ganz ohne Plan.

Leben und Menschheit seien sich selbst ordnende Systeme – wobei Schroeder einen wichtigen Unterschied herausarbeitet: Seit der Mensch kreativ geworden ist und die Dinge erfindet, ändern seine Erfindungen und Ideen die Evolution. Der Mensch habe den Pfad der biologischen Evolution verlassen, doch er scheint sich der Tragweite seiner Handlungen nicht bewusst zu sein. Deshalb müsse man umdenken, "die nächste Version der Aufklärung ist notwendig, damit die Komplexität der vom Menschen gemachten Evolution erkannt werden kann".

Für Schroeder ist es dabei wichtig, dem "Ungustl" Homo sapiens, "ein aggressives, mörderisches Wesen", den Stellenwert zu geben, der ihm ihrer Meinung nach zusteht. "Der Mensch ist weder die Krone der Schöpfung noch das Ziel der Evolution", schreibt sie. Und die Zeitspanne, in der es menschliches Leben auf der Erde gegeben haben wird, sei kurz.

Wenn Schroeder dann aber Beispiele für Erfindungen beschreibt, die Auswirkungen auf die menschliche Evolution hatten, beginnen Werte und Einstellungen der Autorin die Erzählung zu dominieren, die damit ausfranst. Sprache, Mythen und Religion sind sicher "Erfindungen" des Menschen, die ihn massiv beeinflusst und geprägt haben, aber Themen wie Genitalverstümmelung, Faschismus oder Klimawandel wirken hier ebenso verloren wie ein philosophisch-psychologischer Ausflug zum "Ich, die beste Erfindung des Menschen" oder ein Exkurs zum Feminismus.

Wenn Schroeder zu ihren wissenschaftlichen Wurzeln zurückkehrt, wird auch das Buch wieder spannend. Zum Beispiel, wenn es um das menschliche Genom geht, oder Gentechnik inklusive der neuen Technologie CRISPR/Cas9, mit der man gezielt Gene ausschalten, verändern oder entfernen kann.

Schroeder schließt mit einem Plädoyer für eine zweite Aufklärung angesichts von wachsender Irrationalität, religiösem Extremismus und starken antiaufklärerischen Bewegungen. Ohne Aufklärung werde es der Mensch nicht schaffen, die Evolution zu überlisten. Notwendig dafür sei eine "richtig gute Erfindung": "Menschen, die genug Wissen verarbeiten können, um sich der Komplexität des Universums anzupassen und dabei die Evolution neu zu erfinden".

Renée Schroeder und Ursel Nendzig "Die Erfindung des Menschen – Wie wir die Evolution überlisten", 224 Seiten, Residenz Verlag, 22 Euro

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Artikel 09. August 2016 - 10:03 Uhr
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