Es hat nicht nur der zentralen Figur die Sprache verschlagen, auch die der Musik schien sich in zitierender Nostalgie aufzulösen. Und das war das Hauptmanko dieses vor allem fulminant inszenierten Abends. Franz Hummels Musik war bei weitem nicht so pubertär, wie er in einem OÖN-Interview zu erklären versuchte, sondern bediente sich sowohl bekannter, als auch weniger augenscheinlich hervorstechender Versatzstücke und band diese in einen bisweilen gefällig dahinplätschernden expressiven Satz ein, dessen schroffe Dissonanzen das einzige akustische Merkmal von Modernität sein sollten. Dazwischen manchmal lyrisch Belangloses, das gar nicht so weit von Musicalschnulzen – auch darin hat Hummel mit „Ludwig II.“ Erfahrung – entfernt ist.
Was das Neue an der „Schauspieloper“ sein sollte, war kaum zu erkennen, denn Musiktheaterstücke, in denen die Hauptrollen gesprochen werden, sind spätestens seit Schönbergs „Moses“ nichts Neues – und der Hinweis, dass „böse Menschen keine Lieder hätten“ ist für heutige Zeiten lächerlich und die wenigen zwangsweise gekrächzten Töne Fouchés lediglich plakativ.
Das Libretto stammt von Hummels Frau Sandra und enthält packende Szenen, schafft es aber nicht, die Dämonie eines machtgierigen und brutal über Leichen gehenden Verbrechers zu zeichnen. Gerade dieser intrigante Wendehals, der letztlich sogar Napoleon fallen ließ, um unter Louis XVIII. munter weiterarbeiten zu können, aber gleichzeitig den Bourbonenkönig desavouierte, da er im Hintergrund die Fäden für Napoleons Rückkehr zog, bedarf ganz anderer Worte. Jene allerdings, die ihm gegeben worden sind, hat Harald Heinz mit bestechender Bravour gesprochen und zu einer aufregenden Figur eines rastlos Getriebenen verschmolzen. Ohne seine überzeugende schauspielerische Leistung wäre der Abend bei weitem nicht so positiv gelungen.
Dazu trug auch die prägnante szenische Umsetzung bei. Das Publikum – erhöht sitzend – betrachtete das Geschehen wie in einer Arena und verfolgte das mühsame Auf und Ab auf einer wellenförmig gestalteten Bühne, die mehr die Geschichte traf als alles andere zusammen. Jeder kämpft um den Weg nach oben, kann aber genauso ins Wellental abrutschen, um dort für immer zu verschwinden. Genauso effektvoll ließ es sich aus der Tiefe plötzlich emporsteigen. Bernhard Hammer (Bühne), Gerhard Fischer, mit einem sparsamen, aber wirkungsvollen Lichtdesign und die Kostüme von Erika Landertinger bereiteten die ideale Szene, in der die Choreographin Susan Oswell eine vor allem bewegungsorientierte Regie von ungeheurer Dichte entwickelte.
Begeisternde StudentenGerade diese packende Umsetzung ließen den Abend doch zu einem Ereignis werden. Beeindruckend auch die Leistungen der Studenten der Anton Bruckner Universität – sowohl der Gesangs- und Schauspielklassen als auch der des Institute for Dance Arts. Aus dem Ensemble stachen Léla Wiche (Hirondelle), Ursula Langmayr (Comtesse des Castellane), Matthäus Schmidlechner (Talleyrand), Klaus Boris Theinschnack (Robespierre) und Bettina Schönenberg mit einem trefflichen Psychogramm von Marie Thérèse, der Tochter Louis XVI. und Marie Antoinettes, heraus. Das (Instrumental-) Ensemble09 leistete unter der in Hummels Musik versierten und äußerst präzisen Leitung Alexei Kornienkos Erstaunliches, scheiterte aber klanglich an der unzulänglichen Verstärkung, der jegliche räumliche Tiefe fehlte. Es klang wie aus einem großen Kofferradio.
Ein großes Projekt, das szenisch mehr als überzeugend gelungen ist, aber dem „Ideengeber“, dem 2006 verstorbenen Komponisten Otto M. Zykan, der kurz vor seinem plötzlichen Tod selbst an diesem Stoff arbeitete und das Libretto weitgehend fertig hatte, kaum gerecht wurde.
Über die Uraufführungsfeier lesen Sie auf Seite 28.
Info: Weitere Termine 14. und 15. Jänner, Karten: www.posthof.at>