OÖN: Wie hat sich nach Ihren Recherchen die Person Kepler für Sie erschlossen?
Pichler: Er beschreibt sich selbst ganz gut, und die beste Kepler-Biographie stammt von Max Caspar. Kepler bezeichnet sich in seinen Briefen als schmächtig und in Gedanken zerrissen. Außerdem schreibt Adalbert Stifter über Kepler, dass er in dem damals von Adeligen und Landständen dominierten Linz ein Besitzloser war und deshalb nichts gegolten hat. Kepler selbst beklagt, dass er Land vermessen musste und ihn die Bauern von den Feldern verjagt haben. Es war geplant, dass er in der damaligen Landschaftsschule in Linz unterrichtet. Dass er das auch getan hat, ist nicht erwiesen. Man dürfte vielmehr draufgekommen sein, dass Kepler für diese praktischen Dinge nicht zu gebrauchen war. Deshalb konnte er in Linz 14 Jahre lang (1612–1626, Anm.) als freischaffender Wissenschaftler arbeiten.
OÖN: Verbrachte Kepler eine glückliche Zeit in Linz?
Pichler: Vielleicht eine privat erfolgreichere, zumindest was die Frauen angeht. Er kam aus Prag, wo ein Jahr zuvor seine Frau Barbara gestorben war. In Linz sollte er erneut verkuppelt werden, dafür ließ man sieben Kandidatinnen bei ihm aufmarschieren, 1613 heiratete er Susanna Reuttinger aus Eferding. Mit ihr zeugte er sechs Kinder, drei davon sind sehr bald gestorben.
OÖN: Kepler gilt als Mitbegründer der modernen Naturwissenschaften. Hatte er im Vergleich zu seinen berühmteren Kollegen Galileo Galilei und Isaac Newton nur eine schlechtere PR?
Pichler: Eindeutig. Galilei war ja ein Adeliger und groß dran. Man muss trotzdem ehrlich sagen, dass Keplers Sternbeobachtungen schon deshalb nicht so bedeutend gewesen sein konnten, weil Kepler extrem kurzsichtig war. In diesem Fall hat Kepler partizipiert, etwa an Tycho de Brahe, Keplers Vorgänger in Prag. So nebenbei: Kepler wird in einem neuen Buch eines amerikanischen Ehepaars verdächtigt, Tycho de Brahe umgebracht zu haben, aber an diese Theorie glaube ich nicht. Und was Newton angeht, hat dieser ja geschrieben, dass er viel von Kepler profitiert hat, etwa beim Gravitationsgesetz. Newton sagt, er sei auf den Schultern von Giganten gestanden, und einer dieser Giganten war Johannes Kepler.
OÖN: Wie kann eine Verschränkung von Kunst, Kultur und Wissenschaft aussehen?
Pichler: Das kann ich nicht genau eingrenzen, aber prinzipiell gehören Wissenschaften zu einem Kulturbegriff, wie ich ihn verstehe. Es gehört nicht zuletzt zu unserer Kultur, auch etwas zu wissen. Als Wissenschafter möchten wir die Künstler natürlich nicht wegdrängen, trotzdem erwarte ich, dass zur Kulturhauptstadt auch etwas über die Wissenschaften in Linz gezeigt wird.
OÖN: Warum hat es so lange gedauert, dieses Kepler-Haus zugänglich zu machen und die Verdienste des Wissenschafters auch damit zu würdigen?
Pichler: Zunächst ist es wunderbar, dass in diesem Haus jetzt endlich etwas geschieht. Seit 1990 haben wir von der Linzer Universität aus versucht, etwas in Bewegung zu setzen. Vier, fünf Jahre lang haben wir mit allen Behörden nur traurige Erfahrungen gemacht. Das Land Oberösterreich war in diesem Punkt nicht besser als die Stadt Linz und umgekehrt. Es wurde nie erkannt, was Kepler international bedeutet. Ich bezweifle, dass Adalbert Stifter weltweit so bekannt ist, Anton Bruckner gilt natürlich als renommierter und angesehener Komponist, aber Kepler ist wahrscheinlich der einzige Weltstar, der längere Zeit in Linz gelebt hat.
OÖN: Wie soll dieses Haus nach 2009 genutzt werden?
Pichler: Wenn man bedenkt, dass Kepler zwar in Regensburg gestorben ist, dort aber nur 15 Tage verbracht hat, es aber in Regensburg ein gutes Kepler-Museum gibt, dann müsste uns das Anstoß genug sein, so ein Museum auch bei uns zu gestalten. Und das gehört ins Kepler-Haus.