Höchst erfolgreich, was die Besucherfrequenz betrifft und inhaltlich hochwertig kompetent. Diese Beschreibung charakterisiert ohne jede Einschränkung die Veranstaltungen im neuen Linzer „Kepler Salon“.
Auch beim aktuellen Montagabend-Gespräch, das die Linz09-Kunstaktion „Unter uns“ am und im Brückenkopfgebäude Ost behandelte, drängte sich das Publikum. Für sein Ausharren in aller Enge und sogar auf dem Fußboden kauernd wurde es auch belohnt: nämlich mit einer transparent erläuterten, anhand fotografischer und Videosequenzen bestens transportierten Vorstellung des Projekts durch die documenta-Künstlerin Hito Steyerl und die Architektin Gabu Heindl.
Unter der „moderaten“ Leitung des Historikers Peter Becker gab das „Unter uns“-Duo präzise und unaufgeregt Auskunft über die peniblen geschichtlichen Recherchen, aus denen jene fünf Geschichten resultieren, die ab Freitag in den Schaufenstern des zur NS-Zeit errichteten Gebäudes nachvollzogen werden können. Fassade, Videos, der alte Putz, Texte etc. summieren sich hier zur präzisen Intervention.
Die Fragen nach dem Vorher, dem Währenddessen und dem Danach führten zu den Mauerputz-Entfernungen, die nun an diesem geschichtsträchtigen Gebäude ablesbar sind und für Irritation sorgen. Gezeigt wurde im Kepler-Salon dazu eine Videosequenz, die das Leben der jüdischen Familie Samuely nachzeichnet, die an der Stelle des Brückenkopf-Westtrakts ihr Wohnhaus sowie beim nunmehrigen 09-Infocenter im Osttrakt ein Geschäft besessen hatte, von Hitlers Schergen vertrieben und zum Teil ermordet worden war.
Kartographische LinienDie Wege der Deportation, der Flucht, der Rückkehr wurden auf eine Weltkarte übertragen. Etwas abstrahiert und kombiniert mit den Ergebnissen der anderen vier Geschichten, dienten diese kartographischen Linien als Vorlage, nach der die Bauarbeiter in chronologischer Abfolge den Putz vom Gebäude herausfrästen oder herunterschlugen. Je nach Überlagerung der Lebenswege wurden diese bloßgelegten Stellen breiter oder schmäler. Der äußerste linke Punkt an der Westwand Richtung Donau markiert übrigens Los Angeles.
Gefragt wurde an diesem Abend im Kepler-Salon auch, wie man bloß an die Genehmigung des Bundesdenkmalamtes gekommen sei. Antwort: „Dem BDA war sehr wichtig, dass die Fassade wiederhergestellt werden kann und das darunter liegende Mauerwerk nicht beschädigt wird.“ Verständlich, bei diesem architektonischen Zeitzeugen aus der Nazi-Vision vom Linzer Prachtboulevard.
Fazit des Abends: Das dem Brückenkopfgebäude unter die Haut schauende „Unter uns“ ist eine künstlerisch wie historisch prägnante und inhaltlich leicht nachvollziehbare Umsetzung eines sensiblen Themas. Durch seine öffentlich präsente Brisanz auch ein immens wichtiger Meilenstein im Linz09-Geschehen.
Info: Eröffnung „Unter uns“ am 27.2.; 15.30 Uhr; Brückenkopfgebäude Ost, Hauptplatz.