1981 veröffentlichte die damals 35-Jährige ihren ersten Lyrikband „Herz über Kopf“, jetzt hat ihn die 65-jährige wieder gelesen und ist mit sich selbst in einen kreativen Dialog getreten. Sie antwortet, widerspricht, bekräftigt, ergänzt, begibt sich dort und da auch in ironische Distanz – je nach Thema, je nach Stimmung, je nach Denkweise. Gedichten aus „Herz über Kopf“ stellt sie neue Gedichte gegenüber. „Herz über Kopf“ war, als der Band erschien, eine Provokation für die Puritaner der Kunstavantgarde. Ulla Hahn scheute sich nicht, in romantischer Tradition das Gedicht zum Stimmungsmedium zu machen, sie sang von der Kälte und den Tränen, als wäre sie eine Ururenkelin der Bettine Brentano, und reimte ungeniert Schnee auf Weh.
Vergänglichkeit und Lebensfreude
Manche Turbulenz der frühen Jahre hat sich gelegt (man wird wohl klüger werden dürfen), aber die Lebensfreude ist geblieben, denn der Frühling ist kein Privileg der Jugend mehr, seit wir die Sinnenlust der späteren Jahre entdeckt haben. Andererseits weicht Ulla Hahn dem Abendthema Vergänglichkeit nicht aus. Im Abschnitt „Keine Zeit für Elegien“ erweitert sie den privaten Motivraum, greift zur politischen Reflexion, thematisiert den langen Schatten der NS-Zeit, Modernisierung, Medien, und konstatiert die Ohnmacht der Dichtung: „Vergebens die Suche / nach einem Wort / das sich einen Reim macht / von Leben / auf Mord.“ Na gut, das ist nicht ganz neu und war es auch 1981 nicht mehr.
Das letzte Gedicht ist eine sehr schöne Elegie. Ausgehend vom Bild der russischen Puppe, die immer kleiner werdende Püppchen enthält, wendet sich Ulla Hahn noch einmal ihren früheren Phasen zu und lässt die Frage offen, ob es dort, wo wir alle einmal landen, noch „Wiederworte“ geben wird.
Das Buch
Ulla Hahn: „Wiederworte“, Gedichte, DVA, 180 Seiten, 17,50 Euro.
OÖN-Bewertung: fünf von sechs Sterne
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