Mathematik und Moral – zwei völlig unterschiedliche Themen, und dennoch besteht ein inniger Zusammenhang: Aufgedeckt hat ihn einer der genialsten Denker des 20. Jahrhunderts – John von Neumann (1903–1957), ein ungarisch-amerikanischer Mathematiker, der die mathematische Spieltheorie erfand. Mit ihr kann man das Verhalten des Menschen mittels Zahlen darstellen, je nachdem, ob man sich für den persönlichen Vorteil oder für den der Gemeinschaft dienenden Nutzen entscheidet.
Ihre Anwendungen erlebte die mathematische Spieltheorie zunächst beim Militär: In der Kubakrise (1962) beriet die RAND Corporation, eine zur Beratung der US-Streitkräfte gegründete „Denkfabrik“, Präsident John F. Kennedy mit Hilfe spieltheoretischer Modelle. Danach bediente sich die Ökonomie der Spieltheorie, um wirtschaftliche Entscheidungen analysieren zu können. Heute spielt sie in der Biologie in Fragen der Evolution eine wichtige Rolle.
Das Eigenartige dabei ist laut Taschner, dass Neumanns eigene Moralvorstellungen höchst zweifelhaft waren. Dem Physiker Richard Feynman gegenüber äußerte er im Zuge der Erfindung der Atombombe eine bestürzende These: Man dürfe sich für die Welt, in der man lebt, keinesfalls verantwortlich fühlen. Und mit Engagement suchte er 1945 zusammen mit den Abwurfexperten der Atomwaffe die Zielobjekte in Japan aus.
Taschner betreibt das „math-space“ im Wiener Museumsquartier, wo Experten Kindern und Erwachsenen in Vorträgen und Workshops die Allgegenwart der Mathematik nahebringen. In seinem neuen Buch schildert er nicht nur die spannende Geschichte der Spieltheorie. Gekonnt führt er den Leser in die Gesetze der Mathematik ein, erläutert ihre Bedeutung für die Physik der Wellen und Teilchen, für Fußball, Religion, Licht und Musik, und nicht zuletzt für die Moral. Er verführt den Leser zum Staunen und zeigt, wie man sich von Mathematik inspirieren lassen kann.
Das Buch
Rudolf Taschner: „Rechnen mit Gott und der Welt“. Ecowin Verlag, 240 Seiten, mit Farbbildteil von Erich Lessing, 22 Euro.
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