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„Ich wollte das Baby kaufen“

Katie: eine ganz normale junge Frau. Paco: ein ganz normaler junger Mann. Die beiden verlieben sich. Auch ganz normal. Sie bekommen ein Baby, aber das ist nicht ganz normal, denn: Es kann fliegen. Frankreichs Starregisseur Francois Ozon inszenierte den Film „Ricky“, der heuer bei der Berlinale lief und jetzt in den österreichischen Kinos zu sehen ist.

„Ich wollte das Baby kaufen“

Ricky steht nicht über dem Gezänke der Erwachsenen – er fliegt drüber. Bild: filmladen

OÖN: Ausgangspunkt dieses Films ist eine Kurzgeschichte der britischen Autorin Rose Tremain?

Ozon: Richtig, der Originaltitel lautete „Moth“, das ist dieser nächtliche Falter, der vom Licht angezogen wird. Die Story umfasste lediglich zwölf Seiten, ich war zunächst erschrocken, dachte: Nein, das ist nichts für mich! Bis ich kapierte: Nicht das fliegende Baby ist der Mittelpunkt, sondern die Familie und die Situation, in die sie auf einmal geraten ist. Dann las ich es noch einmal, und dabei schwebten mir schon einige Bilder vor.

OÖN: Obwohl es ursprünglich nur eine Kurzgeschichte war, haben Sie eine Menge geändert?

Ozon: Im Original spielte das Ganze in einer armen Gegend in den USA, ich verlegte die Handlung in eine französische Arbeitersiedlung. Im Original ist der Mann ein richtiger Bastard, das Baby kommt am Ende von einem Aus-„Flug“ nicht zurück, die Frau begeht Selbstmord. Das habe ich alles geändert. Es sollte nicht nur Tristesse, sondern auch Momente der Freude geben.

OÖN: Das Ende?

Ozon: Ist, wie in den meisten meiner Filme, Melancholie. Ansonsten kann es jeder deuten, wie er möchte. Ich lasse die Tür offen, ich liebe ein offenes Ende. Es gibt zum Beispiel Menschen, die sind der Ansicht, dass das Baby, dem Flügel wachsen, ein Engel ist. Warum nicht? Wie gesagt, jeder Besucher kann das nach Belieben deuten.

OÖN: War es schwierig, das richtige Baby zu finden?

Ozon: Es war schwierig, die richtige Mutter zu finden. Denn wenn Sie ein Baby casten, casten Sie ja auch die Mutter. Unsere war in Ordnung und von Beruf Stewardess. Damit war ihr wenigstens der Gedanke des Fliegens nicht so fremd. Das Baby war sechs Monate, als wir das Casting machten, und acht, als die erste Klappe fiel. In den zwei Monaten dazwischen hatte es ordentlich Gewicht zugelegt, sah fast aus wie ein kleines Monster…

OÖN: Wie ist es, mit einem Baby zu inszenieren?

Ozon: Ich habe ihm alles, was ich wollte, genau erklärt – und dann gewartet, dass es funktionieren würde… Oft eine langwierige Sache, wir ließen einfach immer die Kamera mitlaufen. In Frankreich darf man mit Babies nur eine Stunde pro Tag drehen.

OÖN: Daran haben Sie sich immer genau gehalten?

Ozon: Es ist nie ein Kontrolleur gekommen.

OÖN: Haben Sie bei dieser Arbeit irgendwann ein Vorbild im Kopf gehabt?

Ozon: Doch, und das wird Sie überraschen. Es war Cronenbergs „Die Fliege“. Der Gedanke der Evolution.

OÖN: Noch eine Änderung gegenüber dem Original: Der Vater von „Ricky“ ist bei Ihnen ein Emigrant?

Ozon: Ich spiele gern mit dem Gedanken des Fremden. Obwohl: Der echte Fremdling im Film ist ja nicht er, sondern das Baby.

OÖN: Haben die Spezialeffekte viel gekostet?

Ozon: Ich hatte ein Budget von sechs Millionen Euro. Eine Million ging für Spezialeffekte drauf. Ich hatte dafür einen der Besten seines Fachs, einen Mann, der schon für „Harry Potter“ und „Spider-Man“ gearbeitet hatte.

OÖN: Man sagt, Schauspieler haben oft Bedenken, mit Kindern oder Tieren zu spielen. Aus Angst, die könnten ihnen die Show stehlen. Wie war das hier?

Ozon: Alexandra Lamy, die Darstellerin der Mutter, war nicht eifersüchtig, sondern hatte sofort besten Kontakt zum Baby, rief immer: „Schau, ‚Ricky‘ versteht mich! Er spricht mit mir.“ Und als wir mit raffinierten Kameraeinstellungen die Szenen drehten, wo „Ricky“ zwanzig Meter hoch fliegt, rief Alexandra immer: „Höher! Höher!“

OÖN: Haben Sie während dieser Arbeit vom Fliegen geträumt?

Ozon: Nein, ich habe Höhenangst und fliege in meinen Träumen nicht, sondern hüpfe wie ein Känguru.

OÖN: Wie war Ihnen, als Sie mit dem letzten Filmmeter dieses ungewöhnlichen Projekts fertig waren?

Ozon: Ich wollte das Baby kaufen. Aber die Mutter hat es nicht hergegeben.

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Artikel Von Ludwig Heinrich aus Berlin 12. August 2009 - 00:04 Uhr
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