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Befreiung nach dem Weltuntergang

Überzeugender und zugleich stärker aufs Wesentlichste reduziert kann man den endzeitlichen Erlösungsgedanken in Richard Wagners „Götterdämmerung“ sowohl szenisch als auch musikalisch kaum fassen, und so wurde die Staatsopern-Premiere am Montag zum triumphalen Erfolg.

Was sich hier an Detailarbeit auftat, war in der ekstatisch leidenschaftlichen Umsetzung wohl kaum zu überbieten. Der musikalische Leiter Franz Welser-Möst reizte das gesamte dynamische Spektrum weidlich aus – von fragilen und doch in sich zart beseelten Tongeflechten bis hin zu klanglichen Explosionen, die im Trauermarsch nach Siegfrieds Tod ihren bezwingenden Höhepunkt erreichten.

Befreiender und zugleich erschütternder ist diese bewegende Musik nur selten zu erleben. Aber es war nicht bloß die minutiöse Umsetzung einer Partitur das Bewundernswerte, sondern Welser-Mösts scheinbar nie erlöschendes Feuer der Leidenschaft, das alle Beteiligten an die Grenzen des Machbaren zwang.

So war jede Szene ein Juwel für sich, geriet die Musik immer zum Ereignis und ermöglichte den Sängern, großartige Leistungen zu vollbringen. Aber nicht nur musikalisch war dieser Premierenabend außergewöhnlich, auch das szenische Konzept wurde immer schlüssiger, ja bezwingender. Sven-Eric Bechtolf ging den strengen Weg der Abstraktion, der Reduktion auf das Wesentliche weiter.

So gewichtig und aussagekräftig die Bühnenbilder Rolf Glittenbergs sind, so gewaltig sie Machtgier und Habsucht demonstrierten, so wenig waren sie für das Spiel vonnöten. Denn Bechtolf konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Personenführung und verstand den Raum nicht bloß als Wirklichkeit, sondern als Ausdruck menschlicher Emotionen. Als Spiegel einer Gesellschaft, die in ihrem Mit- und Gegeneinander, in ihrer Besitzgier auch ohne plumpe Hinweise heutig ist. Finanzkrise inklusive.

Halfvarson Star des Abends

So braucht die Geschichte in Bechtolfs Lesart keine Aktualisierung und muss keine Reality Show sein, sondern darf jene faszinierende Überzeitlichkeit bewahren, die das Werk von immer Neuem spannend und packend macht. Diese Zeitlosigkeit war dann auch im Finale zu erfahren, das nicht resignierend den Weltuntergang in Kauf nimmt, sondern ihn als Ausgangspunkt zu einer neuen, friedvolleren Menschheit sieht. Fast einhellige Zustimmung für diesen genialen Regiestreich.

Sängerisch war diese Premiere ebenso ein Fest, auch wenn es manche im Publikum nicht glauben wollten und Eva Johansson mit Buhrufen bedachten. Dabei war sie eine Brünnhilde von großem Format, die aber – gerade in der Schlussszene – viel Nachdenkliches einfließen ließ und nicht bloß Lautstärken- und Tonhöhenrekorde zu brechen versuchte. Die vielen Bravos waren gerechtfertigter. Ebenso virtuos prägnant und mit vielen Zwischentönen versehen war der Siegfried von Stephen Gould, der nicht nur heldentenormäßig die Partie makellos bewältigte, sondern obendrein noch höchst wendig agierte. Star des Abends war aber eindeutig Eric Halfvarson, der als Hagen brillierte und gerade die dämonische Freude über seine eigenen Intrigen perfekt charakterisierte.

Erfolg für Welser-Möst

Das gelang auch Mihoko Fujimura, die als Waltraute in ihrer kurzen Szene mit Brünnhilde aufhorchen ließ. Wie auch Boaz Daniel, der den fast blassen Gunther mit viel Feingespür verkörperte und seinen warmen Bariton subtil verströmen ließ. Tomasz Konieczny begeisterte als Alberich, und Caroline Wenborne gab eine tadellose Gutrune. Hervorragend auch die drei Nornen (Zoryana Kushpler, Elisabeth Kulman, Caroline Wenborne) und die Rheintöchter (Ileana Tonca, Michaela Selinger, Juliette Mars). Der perfekt studierte Chor rundete das Ensemble ab. Ein großer Abend – vor allem für Franz Welser-Möst.

Info: www.staatsoper.at>
Kommentare
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Artikel 10. Dezember 2008 - 00:00 Uhr
Von Michael Wruss
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Scheinbar nie erlöschende Leidenschaft: „Hagen“ Eric Halfvarson brachte die dämonischen Facetten zum Glühen.  Bild: Hans Klaus Techt

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