Der Regisseur kommt mit dem Hauptdarsteller zum Interview – an sich nicht ungewöhnlich. Doch Julian Pölsler hat Luchs mitgebracht, den Bayerischen Gebirgsschweißhund, der extra für die Dreharbeiten für „Die Wand“ gekauft wurde. An der Seite von Hauptdarstellerin Martina Gedeck prägt er die Verfilmung entscheidend mit.
„Der Roman von Marlen Haushofer ist mir 1986 erstmals begegnet, auf Empfehlung meiner guten Freundin Julia Stemberger“, erzählt Pölsler: „Ich hab’ ihn in einer Nacht durchgelesen.“
Alles Leben ausgelöscht
„Die Wand“ ist kein einfaches Buch. Eine Frau, die in einer Jagdhütte übernachtet hat, macht eines Morgens eine unfassbare Entdeckung: Über Nacht ist mitten in der Landschaft eine unsichtbare Wand entstanden, die sie vom Rest der Welt trennt. Jenseits dieser Wand hat offenbar der Tod zugeschlagen. Soweit sie sehen kann, scheint alles Leben ausgelöscht. Die Nachbarn sind in der Bewegung erstarrt und rühren sich nicht. Die Frau beginnt notgedrungen ein Einsiedler-Dasein, ein Überlebenskampf als weiblicher Robinson Crusoe, bei dem sie nur Luchs, den Hund, eine Katze und eine Kuh zur Seite hat.
Pölsler hat sich möglichst genau an die Vorlage gehalten. „Ich wollte mit der Verfilmung eine Plattform schaffen für diesen großartigen Text.“ Jedem Leser ist klar: Natürlich ist die unsichtbare Wand, die die Frau vom Rest der Welt trennt, eine Metapher. „Es geht vor allem um die Wand in mir“, sagt der Regisseur. „Der Autor und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer hat mir gesagt, das sei eine exakte Beschreibung einer Depression.“
Schwierig war das Casten des vierbeinigen Hauptdarstellers. Ein Gebirgsschweißhund, wie ihn Marlen Haushofer in ihrem Roman beschreibt, ist schwer zu bekommen und noch schwerer zu trainieren. „Es heißt, sie seien zu stur“, erklärt Pölsler. In Bayern wurden schließlich zwei Hundegeschwister aufgetrieben, eines kam zum Tiertrainer, den zweiten nahm sich Pölsler, der zuvor „panische Angst vor Hunden“ hatte, als möglichen Ersatz.
Da sich die Erstbesetzung tatsächlich als ungeeignet erwies, kam schließlich Luchs (der so getauft wurde wie der Hund der Vorlage) zum Einsatz. Sämtliche 70 Drehtage stand, sprang und saß er vor der Kamera. „Man hat schon bei der ersten Szene gespürt, dass er talentiert ist“, ist sein Herrchen voll des Lobes.
Zuschlag für Gosausee
Ursprünglich wollte Pölsler am „Originalschauplatz“ drehen, in jener Hütte im oberösterreichischen Alpenvorland, die Haushofer für ihren Roman als Vorbild gedient hatte. „Das war leider nicht möglich, denn dort hat der Zahn der Zeit zugeschlagen.“ Drei Jahre war man auf Motivsuche. „Dann hab ich mich für das Schöne entschieden. Und wenn schon für das Schöne, dann gleich für das Schönste!“ Den Zuschlag bekam die Gegend um den Hinteren Gosausee, gelegen in Oberösterreich, der Heimat der Autorin.
Bleibt noch die Wand. Wie stellt man etwas dar, das unsichtbar ist? Pölsler entschied sich, auf eine akustische Grenzerfahrung zu setzen, zwischen dem Knistern eines elektromagnetischen Feldes und der Dumpfheit einer übergestülpten Glocke.
In Österreich wird „Die Wand“ im Herbst starten.
Literaturklassiker und Kultbuch
„Die Wand“ der oberösterreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920–1970) gilt als eines der wichtigsten Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur. Bei Erscheinung des Buches im Jahr 1963 waren die Reaktionen eher verhalten. In den Jahren darauf wurde „Die Wand“ eines der Kultbücher von Friedens- und Frauenbewegung.
Heute ist der Roman in 19 Sprachen übersetzt und findet sich regelmäßig auf durch Umfragen erhobenen Bestenlisten.
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