Sein Weg zur Literatur führte über den Journalismus. Als Schreiber in einer Anwaltskanzlei und Parlamentsstenograph war der junge Charles Dickens ins Berufsleben eingestiegen. Anfang der 1830er Jahre wurde er Journalist beim „Morning Chronicle“, seine Artikel aus diesen Jahren liegen im Grenzland von Journalismus und Literatur, es sind realistische, humorvoll erzählte Erlebnisberichte aus dem Londoner Alltagsleben. Berühmt wurde Dickens durch die „Pickwick Papers“, die 1836/37 in Fortsetzungen erschienen. Auch die Romane „Oliver Twist“ und „Nicholas Nickleby“ erschienen zunächst als Fortsetzungsromane.
Witz und Sozialkritik
„Oliver Twist“ ist typisch für Charles Dickens’ Erzählkunst, die Witz, Sozialkritik und publikumswirksame Handlungsmuster vereint. Der Titelheld wächst als Waisenkind in einem kleinstädtischen Armenhaus auf, kommt dann nach London und droht unverschuldet ins kriminelle Milieu abzugleiten. Oliver soll zum professionellen Dieb ausgebildet werden. Er hat aber das Glück, immer wieder Menschen mit sozialem Gewissen zu begegnen, die ihn vor dem Absturz in Elend und Kriminalität bewahren.
In diesem mitunter etwas trivialen Gegenüber von guter und schlechter Welt entfaltet Dickens wirksame Spannungsbögen: Gefährdung des Helden – Rettung des Helden – Gefährdung – Rettung usw. Dieses Erzählmuster des Auf und Ab ist gerade für den Fortsetzungsroman hervorragend geeignet, lädt zur Identifikation mit der Hauptfigur ein und hält das Lesepublikum bei der Stange. Dickens war einer der wenigen Autoren von Rang, die auch die Industriearbeiter erreichten, natürlich auch deshalb, weil er gesellschaftliche Missstände (Kinderarbeit, Arbeiterelend) offen kritisierte und Partei für die Armen bezog.
Schon in den 40er Jahren war Charles Dickens ein Popstar des viktorianischen Literaturbetriebs. Er produzierte am laufenden Band und behauptete sich gleichzeitig als talentierter Vermarkter seiner selbst. Den Verlegern war er als kompromissloser Vertragsverhandler bekannt, für seine Lesungen wurden Karten auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Als er 1870 starb, war Dickens ein reicher Mann. Sein Vermögen würde ihn nach heutigen Maßstäben zum vielfachen Euro-Millionär machen.
Diese Ambivalenz in Dickens’ Persönlichkeit – Anwalt der Armen einerseits, erfolgsorientierter Geschäftsmann andererseits – ist für manchen Dickens-Adoranten irritierend. Auch die Umstände, unter denen Dickens seine Frau verlassen hat, mit der er zehn Kinder hatte, stören das Andachtsbild vom herzensguten Mann mit der begnadeten Schreibhand. Abgesehen davon, dass nicht jeder sozialkritische Autor ein durch und durch guter Mensch sein muss (siehe Brecht) und materieller Erfolg nicht per se böse ist, weist die biografische Forschung darauf hin, dass Charles Dickens nichts mehr gefürchtet haben soll als Verarmung. Als Ursache dafür wird ein Kindheitserlebnis mit traumatischer Wirkung angeführt.
1824 wurde Dickens’ Vater ins Schuldgefängnis gesperrt, der zwölfjährige Charles musste in einer Schuhcremefabrik arbeiten. Im autobiografisch grundierten Roman „David Copperfield“ (1849) wird Dickens 25 Jahre später von dieser bitteren und möglicherweise emotional prägenden Erfahrung erzählen.
„Dickens war ein politischer Radikaler“
Charles Dickens ist auch heute aktuell, sagt Experte Joachim Frenk, Professor für englische Literatur an der Universität des Saarlandes, im OÖN-Gespräch.
OÖN: Dickens befasste sich mit sozialer Ungerechtigkeit und Missständen. Gibt es Parallelen zur heutigen Zeit?
Frenk: Jede Menge. Viele Probleme, die uns heute umtreiben, sind schon in der viktorianischen Gesellschaft aufgetaucht. Das ist im Grunde unsere moderne Ur- und Frühgeschichte. Die Briten waren bis ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts durch die industrielle Revolution, durch das British Empire, durch die Blüte von Wissenschaft und Kultur die fortschrittlichste und reichste Nation der Welt.
OÖN: Inwieweit beeinflusste Dickens die englischsprachige Literatur? John Irving etwa greift in seinem Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ Dickens auf. Ist er für Literaten noch immer sehr präsent?
Frenk: Wer in der englischen Literatur als Romancier etwas auf sich hält, der kann eigentlich gar nicht anders. Ich war vergangene Woche in Berlin auf einem Seminar, das der British Council mit Bertelsmann organisiert hat. Dort waren acht junge britische Romanciers eingeladen, die alle ihr Bekenntnis zu Dickens abgelegt haben. Daran kommt man nicht vorbei, an diesem Monument und den unglaublichen Texten. Da gibt es so viel zu lernen und zu sehen. Was Dickens abgeliefert hat, steht in der englischen Literatur in der allerersten Reihe.
OÖN: Wenn Dickens noch leben würde: Was würde er zu den aktuellen weltpolitischen Geschehnissen sagen?
Frenk: Dickens war ein Radikaler. Diese betuliche Aneignung, die wir uns da manchmal erlauben, also diese Weihnachtsphilosophie, wir wollen eigentlich alle nett zueinander sein, und wenn das Wetter draußen kalt ist, wollen wir es uns drinnen warm und gemütlich machen, das verkürzt Dickens vollkommen unzulässig. Dickens war ein politischer Radikaler, sein Leben lang. Er hatte große Probleme mit dem Erwerbsdenken, dem zügellosen Kapitalismus, und trat immer für die Armen ein. Freilich wusste er auch, wie er seinen Schnitt mit den Verlegern machen konnte. Ich denke aber, er wäre heute wahrscheinlich politisch genauso eigenständig, wie er es damals war. Was er über Investment- und Hedgefonds-Banker denken würde, zu diesem digitalen Kapitalismus, der ruhelos um die Erde hastet, das kann man schon in „Klein Dorrit“ und „Unser gemeinsamer Freund“ nachlesen. Da gibt es Bankiers und Spekulanten, es wird geschildert, was passiert, wenn Menschlichkeit herunterkocht auf die Spekulation um Geld und der andere entwertet, nur unter seinem Marktwert betrachtet wird.
OÖN: War Dickens ein Vorläufer des literarischen Journalismus, für den Truman Capote oder Tom Wolfe stehen?
Frenk: Dickens hat als Journalist angefangen und diese Texte dann um 1833 zu Sketches ausgearbeitet, die noch kein Roman sind, sondern nur Skizzen. Dickens schreibt sich vom Journalistischen ins Schriftstellerische, in den Roman hinein. Im Vergleich zum „New Journalism“ ist das allerdings nicht nur ein zeitlicher, sondern auch ein kultureller Sprung. Die journalistische Genauigkeit oder die Unterfütterung, das Interesse am aktuellen Alltagsleben, da macht Dickens so schnell keiner etwas vor.
Dickens-Empfehlungen: Biografisches, Neues und Aufgefrischtes
Wer sich über Leben und Werk von Charles Dickens informieren möchte, ist mit Hans-Dieter Gelferts Biografie gut beraten. Eine preisgünstige Alternative ist das Taschenbuch aus der rororo-Monographien-Reihe. Die wichtigsten Romane und Erzählungen von Charles Dickens werden, wie sich das für einen Klassiker gehört, von mehreren Verlagen angeboten, sowohl in gebundener als auch in Taschenbuch-Ausgabe, als Audio-Book, E-Book, Audio-CD. Eine Auswahl:
Hans-Dieter Gelfert: „Charles Dickens. Der Unnachahmliche“ (C.H. Beck, 375 Seiten, 29,95 Euro, auch als E-Book)
Johann N. Schmidt: „Charles Dickens“ (rororo monographien, 160 Seiten, 7,50 Euro)
Neues Design: Im Insel-Verlag erscheinen „Große Erwartungen“, „Oliver Twist“, „Der Raritätenladen“ und „Eine Geschichte von zwei Städten“ in neuen Vintage-Umschlägen (je 10,30 Euro).
Neuübersetzung: Melanie Walz hat „Große Erwartungen“ neu übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen (Hanser, 826 Seiten, 35,90 Euro).
Neuerscheinung: Dickens war nicht nur Romancier, sondern verfasste auch Essays und arbeitete als Journalist. Einige seiner Texte erscheinen in dem Band „Reisender ohne Gewerbe – Nachtstücke“ erstmals auf Deutsch (C.H. Beck, 128 Seiten, 15,40 Euro)
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