OÖN Bewertung:
Mit zunächst zögerlichem, dann begeistertem Applaus wurde am Dienstag im Theater an der Wien mit Lera Auerbachs „Gogol“ eine faszinierende Opernnovität aus der Taufe gehoben. Die junge russische Komponistin ist so etwas wie ein internationaler Shootingstar, die beim Publikum auf große Gegenliebe stößt. Sicherlich, ihre ganz bewusst tonal erfundene Musik tut niemandem weh, aber es ist auch keine billige Schostakowitsch-Kopie, wenn sie selbst davon spricht, russische Musik schreiben zu wollen.
So mag man vielleicht bekritteln, dass die Klänge, die da aus dem Graben kommen, nicht wirklich neu sind, dass sie eine durchaus gefällige Musik schreibt – ist das Gegenteil ein Kriterium für Qualität? –, aber woran man nicht rütteln kann, ist die Tatsache, dass Lera Auerbach hervorragend zu instrumentieren versteht und sehr genau weiß, wie sie Klangfarben gezielt charakterisierend einzusetzen hat. Das Libretto ist ebenfalls von ihr und präsentiert den von Selbstzweifeln und panischer Angst gequälten Dichter Nikolai Gogol, zu dem sie auch persönliche Parallelen sieht.
Christine Mielitz hat daraus ein vielfältiges Panoptikum gemacht, das gerade das Traumhafte, das der russischen Sagenwelt entstammende Märchenhafte ins Zentrum stellt. Da kommen neben den realen Figuren aus Gogols Leben Zauberwesen wie die Hexe Poshlust und der Teufel Bes vor, und selbst nach dem Tod kann die Seele Gogols nicht ruhen und wird zum Schluss vom Übergeist Wij für ewig als Verräter der russischen Seele verdammt.
Was Christine Mielitz in der von Johannes Leiacker perfekt gestalteten Bühne und den phantasievollen Kostümen von Kaspar Glarner gelang, ist eine Inszenierung von ungeheurer Dichte und einem perfekten, nie den roten Faden verlierenden Timing. Musikalisch begeisterte das ORF-Radiosymphonieorchester unter Vladimir Fedosejev, der Auerbachs melodiöse Musik den idealen Raum gab und sie zu einem packenden Klangereignis werden ließ. Fein wie immer der Arnold Schönberg Chor und der Knabenchor-Mix aus Grazer Kapellknaben und Mozartknabenchor Wien.
Zwei großartige „Gogols“
Bo Skovhus hätte ursprünglich den Gogol singen sollen, sagte aber ab, und aus der Not heraus wurde die Partie geteilt. Den ersten Akt sang Martin Winkler mit gewaltiger Stimme, überzeugendem Spiel und überdeutlicher Diktion. Der jenseitige Gogol lag in den Händen von Otto Katzameier. Beide waren großartig. Hervorragend auch Ladislav Elgr als gewitzt gefährlicher Teufel Bes und Natalia Ushakova als Poshlust.
Eine großartige Leitung bot auch der Knabensolist Sebastian Schaffer als Nikolka, das ewige Kind in Gogols Seele. Das weitere Ensemble bot tolle Leistungen, so Tatiana Plotnikova (Maria, Gogols Mutter), Anna Gorbachyova und Iwona Sakowicz, beide als tanzende und singende Bräute, der Countertenor Tim Severloh als Richter und besonders intensiv Falko Hönisch als Ankläger und Verteidiger.
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