Das Schlusskonzert mit den Berliner Philharmonikern stand ganz im Zeichen der Zweiten Wiener Schule und deren Vor- bzw. Mitläufern: Im ersten Teil Musik von Richard Wagner, zwar nicht jene radikale Tristan-Musik, sondern das schon wieder gemäßigte Kondensat des Parsifal-Vorspiels: klangschön, aber mit wenig Nachdruck musiziert.
Danach Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“, ein Aufbäumen einer längst vergangenen Periode tonaler Musiksprache, wenngleich ihr Schöpfer in den 1910er-Jahren zu den großen Revolutionären gehörte, aber den Weg auf das ungesicherte Hochseil der Atonalität Schönberg überließ. Dennoch hatten beide respektvoll miteinander zu tun.
Karita Mattila wartete mit wunderschönen Tönen auf, die aber vor allem wegen der unpräzisen Artikulation bis hin zur Textunverständlichkeit nicht zu jenen überirdischen Melodien verschmelzen wollten. Simon Rattle bemühte sich obendrein um die eher düsteren Klangfarben, sodass der geheimnisvolle Glanz in dieser Partitur ein wenig verloren ging. Dennoch großer Jubel – wahrscheinlich derer, die den deutschen Text ohnehin nicht verstanden hätten.
Im zweiten Teil Moderne pur, ohne Unterbrechung: Schönbergs Orchesterstücke op. 16, Weberns „Sechs Stücke für Orchester“ op. 6 und Alban Bergs „Drei Orchesterstücke“ op. 6. Schönberg so, wie er diese Musik vor 101 Jahren tief im Innersten hervorbrechen ließ: eigentlich alte Musik, die aber immer noch manche den Saal verlassen lässt.
Zu viel des guten Neuen
Rattle ließ die einzelnen Sätze wie eine dreiteilige Symphonie ineinanderfließen, modellierte den geheimnisvollen Anfang von Bergs Werk direkt aus dem Schluss des letzten Stücks aus Weberns op. 6 heraus, was eine interessante Mischung gab, auch eine in sich logische Struktur barg, aber offensichtlich den Ausführenden wie dem Publikum dann doch zu viel des guten Neuen war.
Schon Schönbergs Stücke blieben kühl, selbst das Changieren der Orchesterfarben im berühmten dritten Stück „Farben“ wollte nicht so recht funktionieren. Das geriet Rattle 2001 mit den Wiener Philharmonikern viel atemberaubender. Vor allem fehlte jene spätromantische Ekstase, die einzige Rechtfertigung dieser Musik. Längst hat man erkannt, dass die Zwölftonmusik eine fruchtbringende Sackgasse war, aber eines kann man der Musik der Zweiten Wiener Schule nicht nehmen: ihre packende Emotionalität, die mitunter verstören kann. So natürlich Weberns Orchesterstücke.
Doch auch hier fehlte ein wenig der Wiener Ton, den die Berliner unter Rattle bei Berg nicht trafen. Diese Musik höchster Schwierigkeit wurde technisch bewundernswert gemeistert, doch Charakter hat diese Wiedergabe nur wenig.
Vor zwei Jahren lösten Bergs Orchesterstücke in der Interpretation des Cleveland Orchestras unter Franz Welser-Möst frenetischen Jubel aus, am Sonntag freundlichen Applaus mit einigen Bravos.
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