„Iwan, der Schreckliche“: Oratorium von Sergej Prokofjew (Gr. Festspielhaus, 15. August)
OÖN Bewertung:
Pathetische Huldigung absoluter Macht. Klang-Hymnen auf Waffen und Rüstung, Gleichschritt und Feldzüge. Verherrlichung eines imperialistischen Alleinherrschers. Das sind die Botschaften des Oratoriums „Iwan der Schreckliche“ von Sergej Prokofjew, gestern Vormittag im dritten Orchesterkonzert der Wiener Philharmoniker dem Publikum verkündet.
Doch der Glamour-Faktor nahm allen politischen Einwänden den Wind aus den Segeln, und die hervorragende Qualität der Sprecher Gerard Depardieu und „Kommissar“ Jan Josef Liefers sowie der Philharmoniker und des Staatsopernchores unter Riccardo Muti verhalf diesem grandiosen Stück Staats-Kitsch zu Jubel. Eigentlich hat Sergej Prokofjew (1891-1953) die Musik für Sergej Eisensteins Historien-Film „Iwan der Schreckliche“ (erster Zar Russlands und Terror-Herrscher, 1530-1584) geschrieben. Den ersten von drei Filmteilen verwendete Stalin als Kriegspropaganda, den zweiten lehnte er wegen „historischer Unkenntnis“ ab, der dritte blieb unvollendet. Prokofjew ließ seine Filmmusik-Partitur in den Schubladen verschwinden. Erst neun Jahre nach seinem Tod stellte Dirigent Abram Stassewitsch eine Fassung für die Konzertbühne her. Der extrem pathetische, wuchtig-heroische Klang soll laut Kritikern in diesem Oratorium deutlich ausgeprägter sein als im Film. Tatsächlich ist die Musik ausdrucksstark, bildreich, aber kompositorisch eindimensional. Als Filmmusik großartig illustrierend, aber als Konzertmusik banal. Trotzdem: Eine musikalisch spannende (Einmal-)Begegnung, mit überaus prominenter Besetzung: Gerard Depardieu, offensichtlicher Genussmensch und Kino-Weltstar (mit unlängst geäußerter Abneigung gegen Kollegin Juliette Binoche: „Sie hat und ist nichts! Überhaupt nichts!“) gab den einen, TV-Kommissar und deutscher Theater-Schauspieler Jan Josef Liefers den anderen Sprecher. Beide deklamierten auf Russisch – laut und inbrünstig wie bei einem Krönungsritual. Fantastische, von Lautsprechern getragene Stimmen und ein Hauch von großer weiter Welt im Festspielhaus.
Von Muti umsichtig gelenkt
Mehr als vor zwei Wochen in der Gluckoper, trug Riccardo Muti, der sich als souveräner Koordinator erwies, zum Gelingen dieser eigenartigen Matinee bei. Umsichtig lenkte er den großen Chor, Kinderchor, das reich mit effektvollen Schlaginstrumenten und großem Bläser- und Streicherkörper bestückte Orchester sowie die zwei Solisten. Mezzo Olga Borodina mit wehmütigem Russen-Blues in der Stimme, Bassist Ildar Abdrazakov, die hochkonzentrierten Philharmoniker, der Chor mit seinen göttlich zarten Piani - alle agierten auf hohem Niveau und verhalfen diesem Werk zum Erfolg. (lin)
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