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Moretti: „Jud Süß“ stellt die Gewissensfrage

„Jud Süß – Film ohne Gewissen“ war einer der großen Aufreger bei der diesjährigen Berlinale. Die Diskussionen sind bis heute nicht abgeflaut. Ab 24. September läuft der Streifen in den österreichischen Kinos. Hauptakteur Tobias Moretti hat bereits jetzt, mit Start in Wien, seine Interviewtour begonnen.

OÖN: Sie haben ein funkelnagelneues Plakat mitgebracht – ein anderes Sujet als jenes, das man bei der Berlinale sah. Extra für Österreich entworfen. Sie sind als Schauspieler Ferdinand Marian abgebildet – mit fest zugedrückten Augen. „Eyes wide shut“, sozusagen. Ist dieses Plakat auf Ihren Wunsch entstanden?

Moretti: Nein, aber ich habe den Vorschlag sofort interessant gefunden, weil er im Prinzip das Wesen des Films umfasst. Und der Titel prangt wie ein Stempel auf dem Hirn. Das ist schon ein starker Blickfang. Das Plakat der Deutschen hingegen schaut aus wie eins für eine Komödie der neunziger Jahre.

OÖN: Was ist hier das „Wesen des Films“?

Moretti: Die Antwort auf die zentrale Frage ist bereits gegeben: Dass sich in einer Gesellschaft, die sich jeder Moralität entledigt, die moralische Frage, die Gewissensfrage nicht mehr gestellt wird. Und dann kann man das auch von Galionsfiguren nicht mehr verlangen. Heute würde man sagen: von Celebrities. Das lässt der Film sehr plastisch erscheinen.

OÖN: Schleichen die Marians, also jene, die bereit sind, sich für ein tolles Angebot dem Teufel zu verkaufen, noch immer herum?

Moretti: Klar. Da müsst ihr euch nur selbst anschauen. Derlei ist ja nicht bloß auf Schauspieler beschränkt. Und unser Film schaut da ganz genau hinein, weil er den Nerv der Zuschauer treffen möchte. Da konnte uns eigentlich nichts Besseres passieren als eine Kontroverse. Regisseur Oskar Roehler hat sich hier auf eine Gratwanderung begeben. Was den Umgang mit der Ästhetik betrifft, ist er großspurig, klar, offensiv. Und die Randfiguren sind zentraler, als man glaubt. Die Thematik wird nicht benützt, um zu erzählen und alles dramatischer zu gestalten, sondern es ging darum: Man muss kapieren! Auf seine Art ist der Film Provokation, vor allem, weil er so leichtfüßig wirkt, nicht gestellt und hölzern.

OÖN: Sie sind der Ansicht, dass es aus der damaligen Zeit zwei verschiedene Modi gibt. Nämlich?

Moretti: Den Propagandaton und den Komödiantenton. Ich denke, dass besagte Zeit aus diesen beiden Säulen bestand. Und man fragt: Wie konnte das passieren? Wieso sind alle so benebelt in dieses Schicksal gerannt? Das betrifft ja auch die gesamte akademische Schicht, die zu mehr als 90 Prozent beteiligt war.

OÖN: Kann ein Film wirklich etwas bewirken?

Moretti: Schon, das beweist ja der ursprüngliche „Jud Süß“-Streifen. Heute jedoch ist das anders, weil wir ein riesiges Quantum an Information haben und eine dokumentarische Dichte, die einen Film als Veranstaltung zweitrangig machen. Damals aber nicht. Da waren die Leute in ihrer Wahrnehmung naiver. Film ist wahr, glaubten sie. Und wer es nicht glauben wollte, hat es sich eingeredet. Das zog sich dann bis in die DDR rüber, mit der im System verankerten Kultur.

OÖN: Wenn man eine Figur wie Marian verkörpert, fährt die mehr rein als andere Charaktere?

Moretti: Solange man vor der Kamera in Aktion ist, ist der Unterschied nicht groß. Doch während der ganzen Drehzeit gerät man in eine Sackgasse, aus der es kein Entkommen gibt. Das ist eine andere Dichte. Es gibt keinen Feierabend.

OÖN: Wie war Ihnen, als Sie seinerzeit das Angebot für diese Rolle erhielten?

Moretti: Ich war atemlos. Die erste Drehbuchfassung habe ich gar nicht gelesen, ich habe das auf die lange Bank geschoben. Mit der zweiten Fassung kamen Regisseur Oskar Roehler und Produzent Franz Novotny direkt auf mich zu. Sie haben gleich versucht, das Ganze zu verankern. Und eine so traumhafte Rolle passiert einem natürlich nicht immer. Bis zum Drehbeginn ergaben sich dann noch haufenweise Probleme finanzieller Natur.

OÖN: Wie haben Sie die heftigen Diskussionen gesehen, die nach der Berlinale ausbrachen?

Moretti: Oskar Roehler hat sich gegen Vorwürfe wegen historischer Ungenauigkeiten gewehrt, erklärt, wie das beim Film ist, dass man zum Beispiel oft mehrere Charaktere in einem zusammenfasst, dass man dramaturgische Brücken einbaut und so weiter. Diese Kontroverse wurde ein eigenes Phänomen. Es gab Reaktion und Konterreaktion, beide mit „Jetzt erst recht“-Charakter. Alles ein bissl pubertierend.

OÖN: In Berlin haben Sie gesagt, dass Sie nach „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ eine längere Ruhepause einlegen wollten. Ist Ihnen das gelungen?

Moretti: Ja, die Waage zwischen Arbeit und Sein hat gestimmt. Und ab Oktober gebe ich bis Jänner noch einmal ein bissl Ruhe. Dazwischen liegt ein Kinderfilm nach den „Yoko“-Büchern von Knitter. So was wollte ich schon immer einmal machen. Bei „Der Räuber Hotzenplotz“ wäre es fast einmal so weit gewesen, doch da hat man mich zu spät gefragt.

OÖN: Was sind für Sie Motive, eine bestimmte Rolle anzunehmen?

Moretti: Dass es ein Stoff ist, in den ich Neugier und Kraft reinschmeißen kann. Routine oder äußerlicher Zwang sollen nicht der Motor sein. Ebenso wenig Kalkül. Es sollte möglichst Provokation stattfinden, im Positiven wie im Negativen. Freilich passiert es manchmal, dass man in ein Projekt reingerät, bei dem man sich während der Arbeit fragt: Warum? Bei dem man auf einmal glaubt: Ich kann nicht mehr – und über den nächsten Baum nachdenkt, in den man reinfahren kann. Hin und wieder passiert es aber auch, dass just solche Projekte am Ende gut gelingen.

OÖN: Wann ist Ihnen so was passiert?

Moretti: Zum Beispiel bei Brechts „Mann ist Mann“ in den Münchner Kammerspielen oder bei Dominik Grafs Film „Deine besten Jahre“.

OÖN: Gibt es für Sie noch Traumprojekte?

Moretti: Ja, aber die spiele ich eh. Man sollte sich nur nicht verkrampfen und es lieber wie der Bär Balu im „Dschungelbuch“ halten: Probier’s mal mit Gemütlichkeit.

OÖN: Was wäre in Ihrem Beruf der „worst case“?

Moretti: Es muss immer Herausforderung da sein. Wenn nicht, dann ist es einfach beschissen. Wenn einem langsam die Luft ausgeht, ist die Katastrophe des Daseins da. Bei euch, den Medien, hieße das, dass ihr zynisch-mild werdet. Und bei uns wäre es die Bequemlichkeit.

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Artikel 13. August 2010 - 00:04 Uhr
Von Ludwig Heinrich
Bild vergrößern „Jud Süß“ stellt die Gewissensfrage

Tobias Moretti vor dem Filmplakat, das extra für Österreich entworfen wurde  Bild: Concorde

Video anschauen Jud Süss

Jud Süß - Deutscher Trailer

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