OÖN: Wieso sind Märchen für Sie als erwachsenen, g’standenen Mann, so faszinierend?
Wittmann: Wenn man das Gefühl hat, dafür ist man auf die Welt gekommen, dann sind Dinge genau richtig. Alles andere führt zu Alkoholismus oder Sucht. Ich habe mir nie gedacht, dass ich Märchenerzähler werde. Wenn ich jetzt allerdings zurückschaue, denke ich mir, dass es genauso hat sein sollen. Meine Adoptivmutter hat mir in der Kindheit beim Spazierengehen Märchen und Geschichten erzählt. Bei ihr bin ich sozusagen in der Lehre gewesen. Da ist meine Liebe entstanden.
OÖN:Was genau ist es also, das Sie so fesselt?
Wittmann: Märchen und Geschichten sind voller Tiefsinn, aber auch witzig. Es geht um allgemeingültige Themen, die der Erzähler witzig weitergeben kann und die jeder versteht. Manchmal hat man auch keine Ahnung, was die Geschichte aussagen soll. Sie macht aber Spaß. Märchen sind wie ein gutes Glas Wein. Ich weiß vielleicht nicht, wo er herkommt oder kenne die genaue Zusammensetzung nicht. Dennoch ist es einfach angenehm, ihn zu trinken. Märchen sind meine Seelennahrung, die unglaublich Kraft geben können. Geschichten können ein Leben verändern.
OÖN: Sind Märchen und Geschichten nicht out?
Wittmann: Wenn ich meinen Terminkalender anschaue, nicht (lacht). Die Tradition hat sich aber verändert. Es ist nicht mehr der Breitensport, der es in der Familie und in Wirtshäusern einmal war. Durch SMS und Telefon ist Kommunikation medial breiter gefächert. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Menschen Sehnsucht nach Geschichten haben, die ihnen das eigene Leben erklären. Das passiert auch im Kino oder im Fernsehen. Wenn es aber jemand erzählt, kann er auf den Zuhörer eingehen. Erzählen ist „mit-teilen“. Ich teile mit anderen. Das ist eine Form persönlicher Nähe, die viele Leute heutzutage selten erleben. Gerade deshalb ist das Geschichtenerzählen so ein Geheimrezept .
OÖN: Aus welchem Grund sind eher Märchen aus Deutschland in unseren Breiten bekannt und nicht die österreichischen?
Wittmann: Das hat einen einfachen Grund: Die Gebrüder Grimm waren die Ersten, die Märchen methodisch dokumentiert haben. Das ist ein großes Verdienst. Sie haben schließlich auch in Österreich angefangen. „Hans im Glück“ soll beispielsweise im Innviertel gelebt haben. Mein Zugang ist also, nachzusehen, was es bei uns in der Heimat in dieser Richtung gibt.
OÖN: Märchen sind also wahr?
Wittmann: Es hat nicht jedes Märchen vordergründige Wahrheit, aber es steckt etwas darin, das wahr ist und jeden zum Nachdenken bringt. Sonst hätten Menschen längst aufgehört, sie zu erzählen und zu überliefern.
OÖN: Was bedeutet das Geschichtenerzählen für die Gesellschaftsentwicklung?
Wittmann: Mir passiert es häufig, dass Leute erzählen, eine meiner Geschichte hätte weitreichend ihre Handlungen beeinflusst und ihr Leben verändert. Wenn ich überlege, mit wie vielen tausend Menschen ich durch das Erzählen bisher zusammengekommen bin, bringt mich das zum Nachdenken. Ich liefere schöpferischen Schmaus, ich bin aber kein Prediger. Ich beeinflusse nicht, was sich die Zuhörer aus den Geschichten herausholen.
OÖN: Ist das Witzeerzählen dasselbe?
Wittmann: Zumindest ähnlich. Meistens haben Geschichten schlicht mehr Substanz. Sehen wir es so: Wenn eine Geschichte ein gutes Glaserl Wein ist, ist eine Witz ein Stamperl Schnaps. Wenn einer die Tiefe eines wirklich guten Witzes nur annähernd erfasst, kann das auch viele tiefe Ebenen eröffnen. Es kommt darauf an, wie er vermittelt wird. Ich würde mich nie trauen, Geschichten zu erzählen, die ich selber nicht verstehe.
OÖN: Wie gehen Sie auf Ihr Publikum ein?
Wittmann: Ich schaue, wer vor mir sitzt. Erzähle ich auf einer Weihnachtsfeier, wollen die Zuhörer tratschen, gut essen und einen unbeschwerten Abend erleben. Da muss ich mir überlegen: Was machen die beruflich? Wo kommen die her? Was taugt ihnen?
OÖN: Also sind Sie auch ein bisschen Soziologe?
Wittmann: Eher Soziotherapeut (lacht). Ich variiere spontan das Programm. Anders wär’s nicht lustig. Das macht den Zauber des Erzählens aus.
OÖN: Wieso lag Ihnen die Aufnahme in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes so am Herzen?
Wittmann: Das hatte für mich immer Wichtigkeit. 2005 habe ich erfahren, dass die UNESCO über eine Agentur eine eine Liste erstellt, was zum Kulturerbe erhoben werden soll. Ich war selber überrascht, dass es so ein Echo bei UNESCO gefunden hat. Den Erfolg werden wir jetzt mit einem Riesenfest feiern. Alle österreichischen Erzähler waren wie ich Feuer und Flamme. Gabi Altenbach kommt als „ausländische Kost“ noch dazu. Ich werde zweisprachig – türkisch-österreichisch und russisch-österreichisch – österreichische Volksmärchen erzählen. Diesen Akzent möchten wir bewusst setzen. Geschichten haben Einfluss auf die Gesellschaftsentwicklung und Integration. Österreicher sollen aber auch die Sprachmelodie anderer Sprachen kennen und erkennen, wie schön sie klingen. Beim Märchenerzählen ist es nicht unbedingt notwendig, dass man jedes Wort versteht. Beim Erzählen ist eine Verständniswolke unterwegs. Da geht das meiste nonverbal. Man muss sich halt auch verstehen wollen.
OÖN: Für die Veranstaltung haben Sie sich einen sehr stimmigen Ort ausgesucht.
Wittmann: Die Gegend um das Schindlbach-Gut ist so wildromantisch. Der Sage nach hat dort ein Zauberer gelebt. Das ist doch landschaftlich wie sagenhaft der richtige Rahmen. Die Zuhörer sitzen auf Heu- und Strohballen. Das ist nicht nur ein Erlebnis, so zuzuhören, sondern auch so zu erzählen. Ich habe noch nichts Vergleichbares erlebt.
OÖN: Wie viele Geschichten und Märchen kennen Sie?
Wittmann: Das kann ich kaum beziffern. Mehr als 500 werden es schon sein. Da kommt schnell was zusammen. Man hat ja Spartenprogramme (lacht). Erotische Geschichten werde ich auf dem Sagenschiff und im Kindergarten ja nicht unbedingt erzählen.
OÖN: Was ist Ihr Lieblingsmärchen?
Wittmann: Die Geschichte vom Sennervogel fasziniert mich. Drei Brüder müssen für den kranken König den Sennervogel holen. Obwohl der Wohlstand so groß ist, hat man heutzutage das Gefühl, dass etwas fehlt. Das Bild, für jemanden genau das zu holen, was er wirklich braucht, ist für mich wahnsinnig schön. Es wird ja in Märchen immer von Verwünschungen gesprochen. Wenn jemand in einer verwunschenen Welt lebt, dann wir.
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