Salzburger Festspiele: Auftaktkonzert zur zehnteiligen „Kontinent Rihm“-Serie mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und Martin Grubingers Percussive Planet Ensemble, 29. 7.
OÖN Bewertung:
Mit einem Marathonkonzert von fast vier Stunden wurde am Donnerstag die Wolfgang Rihm gewidmete Zeittonschiene der Salzburger Festspiele eröffnet. Auf dem Programm Werke von Darius Milhaud und natürlich Wolfgang Rihm, die eigentlich als Bühnenmusiken bzw. Ballettmusiken entstanden sind und nicht nur den Nimbus des Frühwerks gemeinsam hatten, sondern auch die Art und Weise der Verwendung der Klanggruppen. Dabei erwiesen sich Milhauds „Les Choéphores“, zweiter Teil seiner „Orestie“ nach Aischylos in der Übersetzung von Paul Claudel, als das wesentlich modernere Stück. Auch deshalb, weil es zur Zeit der Entstehung (1915/16) mehr als revolutionär gewesen wäre. Warum wäre? Weil der ganze Zyklus erst 1922 fertig gestellt wurde und Ausschnitte daraus erstmals 1919 erklungen sind.
Dennoch ist in dieser Partitur unglaublich viel zu entdecken. So braucht der erst 23-jährige Milhaud 13 Perkussionisten, was Strawinskys „Sacre“ bei weitem übertrifft, gestaltet Teile als Sprechchor zu exakt rhythmisch von einem Schauspieler zu rezitierenden Texten und instrumentiert in völlig neuen, den Impressionismus weit hinter sich lassenden Klangfarben. Das ist insofern auch erstaunlich, als man Milhaud eher als den von Brasilien inspirierten, keck-heiteren Komponisten kennt und nicht als tiefgründigen, die griechische Antike ausschöpfenden Meister.
Meisterlich auch die Interpretation Ingo Metzmachers, der das brillante Deutsche Symphonie-Orchester Berlin zu größtmöglicher Expression animierte, den von Alois Glaßner mustergültig studierten Salzburger Bachchor ideal führte und den Solisten, Lucy Crowe (Sopran), Jean-Luc Ballestra (Bariton) und Dörte Lyssewski als Sprecherin, ein kongenialer Partner war.
Der Text als Medium
Im zweiten Teil die ersten drei Sätze von Rihms Poème dansé „Tutuguri“ nach Antonin Artaud. Rihm vertonte nicht den Text im eigentlichen Sinn, sondern verstand ihn als Inspirationsquelle – als Medium, daran entlang zu komponieren, als Parallelwelt zur äußerst expressiven Musik. Auch Rihm war noch keine dreißig, als er dieses gigantische, fast über zwei Stunden dauernde Werk bestehend aus drei Orchestersätzen mit Sprecher und Chor vom Tonband und einem Finalsatz für Schlagwerksextett komponierte.
Dabei treffen diametrale Welten aufeinander – einerseits die steten Anklänge an die Musik der Vergangenheit und andererseits der Versuch, diese mit extremer Avantgarde zu vereinen. Allerdings gibt es in dieser Partitur viel zu entdecken. Es treten stets neue Elemente hinzu und verdrängen das Gehörte, sodass ein systematischer Aufbau nur schwer zu entdecken ist.
Konzentrationsmarathon
Sicherlich ist es Rihms Kompositionsweise, sich treiben zu lassen, aus dem bereits Entstandenen Neues herauszuhören, es schien aber – vor allem ohne szenische Darstellung – das Publikum anzustrengen, da doch ein beträchtlicher Teil davon in der zweiten Pause die Flucht ergriff.
Ingo Metzmacher erwies sich auch hier als genialer Sachwalter neuer Musik, das DSO Berlin als präzises Orchester, das selbst die vertracktesten Passagen gemeinsam im beinahe „Unrhythmus“ zu absolvieren vermochte. Martin Wuttke überzeugte als krächzend brüllender „Sprecher“.
Als Finale dann das vierte Bild mit dem Percussive Planet Ensemble des ehemaligen Linzer Bruckner-Uni-Studenten Martin Grubinger. Ein Satz, der durchaus Längen hat, zumal ein sehr eingeschränktes Repertoire an Klangerzeugern Verwendung fand, der aber unglaublich exakt und höchst musikalisch in Szene gesetzt wurde. Der Jubel des Restpublikums war mehr als gerechtfertigt.