OÖN: Warum haben Sie für diese Rolle zugesagt?
Gedeck: Die Vorstellung von einem Menschen, der in so eine Notsituation gerät und wie er langsam wieder Boden unter den Füßen gewinnt, das gehört zu einem der elementaren Grunderlebnisse, die jeder Mensch auf die eine oder andere Weise macht. Daraus besteht dieser Stoff, insofern glaub’ ich, dass es ein interessanter Film werden wird, der auch eine große Resonanz bekommen wird. Es ist kein großer kommerzieller Film, aber er wird auch auf großes Interesse innerhalb der Filmbranche stoßen – auch im Ausland. Das haben wir im Vorfeld schon gemerkt, weil wir viel Unterstützung und Aufmerksamkeit schon bei der Drehbuchförderung bekommen haben.
OÖN: Wann sind Sie erstmals auf das Buch gestoßen?
Gedeck: Ich hab’ es als junges Mädchen geschenkt bekommen, und wie so vieles hab’ ich auch das verschlungen. Als mir diese Rolle angeboten wurde, war ich begeistert.
OÖN: Hat sich Ihre Interpretation von „Die Wand“ im Laufe der Jahre verändert?
Gedeck: Beim ersten Lesen als Mädchen hab’ ich es in einem Zug ausgelesen. Ich hab’ damals nicht in den Kategorien Krankheit, Ausgrenzung oder Feminismus gedacht. Ich war am Schicksal dieser Frau interessiert. Sicher richtig ist, dass es eine Vertiefung in der Wahrnehmung gibt, dass sich die Lektüre aus veralteten Kategorien hinausbewegt hat. Sie findet nicht mehr im Zeichen der 50er, 60er Jahre statt, nicht mehr im Zeichen der Emanzipation, nicht mehr im Zeichen der aggressiven männlichen Gesellschaft. Jetzt ist es ein existenzieller Stoff, der mit Mann und Frau nur mehr im übertragenen Sinne zu tun hat, vielleicht innerhalb einer Person die männlichen und die weiblichen Anteile beleuchtet. Für mich ist diese Frau jemand, der sich auch in einen Mann verwandelt. Sie sorgt für die Tiere, wie eine, die man eine Hausfrau nennt, und dann geht sie raus, wird zur Kriegerin...
OÖN: ... und sie tötet einen Mann, den einzigen, mit dem sie in gleicher Sprache kommunizieren könnte…
Gedeck: Darüber rätsle ich auch immer noch. Und das ist das Grandiose an Haushofer, weil sie zeitlose Kunst geschaffen hat. Es wird so viel aus dem Zeitgeist heraus geschrieben, aber sie beschrieb elementare Dinge, vielleicht wurde sie deshalb unterschätzt. Das hat auch damit zu tun, dass sie zu Lebzeiten nicht exzentrisch hervorgetreten ist. Sie war keine wie Ingeborg Bachmann oder Frieda Kahlo, die auch wegen ihres Privatlebens legendär wurden. Aber Haushofers Literatur hat Bestand, im Gegensatz zu anderen. Der Mann war bei ihrer Rückführung in die Kreatürlichkeit eine Gefährdung ihrer Welt. In dieser Begegnung wägt sie die Bedrohung ab und das für mich zentrale Thema dieses Buches, die Angst, tritt heraus.
OÖN: Umgekehrt hat sie der Tod ihres Hundes sehr getroffen.
Gedeck: Richtig, er war ihr Gefährte, ihr Partner, die Fortsetzung ihrer fünf Sinne, er war für sie lebenswichtig, ihn begräbt sie rituell, während sie den toten Mann in die Schlucht stößt. Diese Frau trägt auch Gefährlichkeit in sich, Haushofers Schreiben ist harmloser als das, was zwischen den Zeilen steht.
OÖN: Hatten Sie bei der Lektüre die Gegend Ihrer Kindheit, das Land um Landshut, im Kopf?
Gedeck: Oh ja, und zum Glück kann ich darauf zurückgreifen. Auch jetzt in der Vorbereitung auf die Rolle ist die Vertrautheit mit der Natur wichtig, auch dass ich mich in so einer Umgebung beheimatet fühle, dass man nicht schreckhaft davor ist, was Natur heißt.
OÖN: Haushofer fühlte sich vom provinziellen Umfeld wie erdrückt. Sie wurden von Ihren Eltern nach Berlin quasi verzogen, haben Sie die Enge der Provinz jemals gespürt?
Gedeck: Als Kind nicht, als Erwachsene schon. Haushofer schreibt auch in „Himmel, der nirgendwo endet“, wo sie über ihre Kindheit berichtet, dass sie das alles geliebt hat. Aber gerade wenn man in der Kultur tätig ist, braucht man noch andere Inspirationsquellen als nur die Natur. Insofern kenne ich das, dass ich mich bald wieder in die Stadt zurückwünsche.
OÖN: Wer Haushofer gekannt hat, entdeckt sie in dieser Figur von „Die Wand“. Abgeleitet von diesem Roman, wie würden Sie Haushofer beschreiben?
Gedeck: Unsentimental, reflektiert, scharfer Verstand, sehr empathisch, sehr fürsorglich – jemand, der ganz viel geben möchte und nicht mitleidslos sein kann. Es muss sich in ihr ganz viel bewegt haben, was sie nicht unbedingt mit anderen Menschen teilen musste, um dem Ausdruck zu verleihen. Sie findet in den Äther hinein ihre Sprache, das heißt, dass sie nicht unbedingt ein großes Sozialleben geführt hat und keine 20.000 Freundinnen hatte, mit denen sie ständig Kaffeekränzchen halten musste.
OÖN: Hat es Ihre großen Erfolge gebraucht, damit Sie sich solche Projekte leisten können?
Gedeck: Ja, wahrscheinlich. „Die Wand“ mit mir als einzige Schauspielerin und Tieren ist künstlerisch noch eine Steigerung. Die großen Publikumserfolge geben mir die Freiheit, Projekte zu machen, die ein bisschen am Rand liegen. Ich hab’ auch gerade mit Hochschul-Absolventen einen Film gedreht – nur, weil mich der Stoff interessiert hat und die beteiligten Leute spannend waren.
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