Herta Müller war nicht zum ersten Mal in Linz, aber bei ihren ersten Lesungen war das Publikumssegment, das sie ansprechen konnte, eher schmal gewesen. Drei Dutzend Lesungsbesucher hatte sie angelockt. Sie waren allerdings Gourmets der Literatur, denn dass Herta Müller außergewöhnlich gute, wenn auch nicht leicht konsumierbare Texte schreibt, war bekannt.
Wie sich die Zeiten ändern! Am Dienstagabend wäre die Stifterhaus-Galerie aus allen Nähten geplatzt, daher wurde in die Redoutensäle ausgewichen. Aber selbst dort war kein freier Sessel mehr zu sehen, denn fast 500 Menschen wollten hören und sehen, wie eine Nobelpreisträgerin ausschaut und wie sie sich anhört.
Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass eine Nobelpreisträgerin ein Mensch ist – im Fall von Herta Müller ein Mensch mit ungewöhnlicher Biografie, bewundernswerter Empathie und enormer Schreibbegabung, sehr genau in der Diktion, sehr ernst, eher vorsichtig, aber von jener unaufdringlichen Präsenz, die auch ein großes Auditorium zu konzentriertem Lauschen verführt. Klang und Rhythmus ihrer Stimme verstärkten die Wirkung eines an sich schon starken Textes.
Die Literaturwissenschafterin Daniela Strigl erläuterte den Kontext zu „Atemschaukel“: Herta Müller wurde 1953 im deutschsprachigen Banat geboren. Ihr Vater war als ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS nach dem Krieg schwer belastet. Ihre Mutter wurde, so wie 60.000 andere Angehörige der deutschen Minderheit, in ein stalinistisches Arbeitslager deportiert. Die junge Herta studierte in Temesvar Germanistik und Rumänistik. Ihre schriftstellerische Arbeit begann sie in Rumänien, unter den schwierigen Bedingungen des Ceausescu-Kommunismus.
1987 reiste sie nach Deutschland aus, aber die Zumutungen der Diktatur blieben ihr Hauptthema, zumal die Securitate auch nach der Emigration noch in ihr Leben eingriff. Der Roman „Atemschaukel“, für den sie den Nobelpreis erhielt, erzählt die deprimierende Geschichte von Leo Auberg, einem Deutschbanater, der nach Ende des rechten Regimes Antonescu in ein stalinistisches Lager deportiert wird.
Hart an der Wirklichkeit
Den Rohstoff für „Atemschaukel“ lieferten das Lagerleben von Herta Müllers Mutter und die Berichte des 2006 verstorbenen Autors Oskar Pastior, der einige Jahre in einem sowjetischen Lager verbracht hat. Manche Metapher in „Atemschaukel“ geht auf Pastior zurück („Haut- und Knochenzeit“, „Hungerengel“).
Obwohl Herta Müllers Prosa so hart an die Wirklichkeit anstößt, schreibt die Autorin einen höchst kunstvollen Stil, allerdings nicht im Sinne einer virtuosen Stilübung. Vielmehr geht es ihr darum, für Leid und Demütigung, für die nie wieder gutzumachenden Beschädigungen entwürdigter Menschen die angemessene Sprache zu finden, wobei klar wird, dass die Erzählung des Grauens die Verletzungen nicht heilen kann. Das Glück des Entkommenen, Geretteten, Überlebenden bleibt ein „verkrüppeltes Glück“.
Die Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller zeigt, dass Migration für die deutschsprachige Literatur ein kultureller Gewinn ist, dass Autoren, die aus anderen kulturellen Lebenswelten nach Deutschland und Österreich kommen, die deutsche Sprache mit unbekannten Erfahrungswelten und neuen literarischen Codes beschenken und bereichern. Auch das ist eine Erkenntnis aus einem großen Literaturabend.
ist das nicht die Dame, die ihren kulturellen - aber hauptsächlich monetären -Gewinn durch Abschreiben aus dem Internet lukriert hat? das sind wohl die neuen literarischen Codes, mit denen man sich den Nobelpreis erschwindelt.
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