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Brucknerfest: Robert Menasses Eröffnungsrede

Unlängst war ich der Nachbar eines Toten. Und er hat nach mir gegriffen. Es geschah während eines Flugs von São Paulo nach Amsterdam, mitten in der Nacht, die Bordbeleuchtung war ausgeschaltet, die meisten Passagiere schliefen oder versuchten zu schlafen. Plötzlich begann mein Sitznachbar zu hecheln. Ich hatte nur gedöst und öffnete sofort die Augen. Der Mann neben mir keuchte, er hechelte, wenn auch sehr verhalten, immer schneller, stöhnte. Er hatte sich mit der fadenscheinigen Flugzeugdecke zugedeckt, unter der nun sein Körper zuckte, dieses Heben und Senken unter der Decke und dazu das Hecheln – ich dachte: Mein Gott, der Wahnsinnige neben mir onaniert!

Ich wollte aufstehen, meinen Platz fluchtartig verlassen, da schlug er seine Hand unter
der Decke hervor und griff nach meinem Arm. Ich hatte noch nie einen so harten Klammergriff gespürt.
Plötzlich hatte der Mann weißen Speichel auf den Lippen, sein Blick war starr nach oben gerichtet,
hinauf zum Rauchverbots- und Anschnallzeichen. Dann hörte er zu hecheln auf.
Der Mann war tot. Das alles ging sehr schnell. Mir wurde gesagt, dass der Mann keine
Chance gehabt hätte, auch wenn ich schneller begriffen hätte. Dreißig Sekunden, länger hatte das
Keuchen wohl nicht gedauert. Heute wundere ich mich darüber, dass ich nicht schrie, nicht sofort
nach der Stewardess oder einem Arzt rief. Ich saß starr da, atmete gepresst, sah den Mann an und
dann wieder seine Hand auf meinem Unterarm. Es wäre mir peinlich gewesen, Aufsehen zu erregen
und das Flugzeug in Aufruhr zu versetzen. Peinlich. Heute frage ich mich, ob dieses gepresste, missverständliche
Keuchen der Versuch dieses Mannes selbst war, kein Aufsehen zu erregen. Vielleicht
hatte er geglaubt, dass das, was er in seinem Körper, in seinem Herz spürte, vorbeigehen würde,
wenn er es irgendwie niederkämpfte, statt nach Hilfe für seinen Kampf zu rufen. Ich bin kein Arzt,
ich weiß nicht, was ein Mensch in dieser Situation noch tun oder denken kann.
Schließlich drückte ich den Rufknopf nach der Stewardess, und als sie kam, sagte ich
so ruhig und sachlich, als würde ich die Uhrzeit sagen oder einen Drink bestellen: „Pareçe que o senhor aí faleceu!“ Es scheint, als wäre dieser Herr gestorben.

Der Schein ist das Sein. Alles Weitere geschah sehr schnell, sehr diskret. Kaum ein Passagier
hat etwas gemerkt. Ich weiß nicht, wo der Tote dann versteckt wurde. Ich habe später erfahren, dass
Passagiere, die während des Flugs sterben, in der Regel einfach in die erste Klasse gesetzt werden,
sozusagen posthum upgegradet. Weil dort der meiste Platz ist. Ich weiß es nicht, ich habe den Nachbarn
nicht mehr gesehen.


Ich habe keine weitere Erinnerung mehr an diesen Flug – nur noch daran: Nach der Ankunft,
bereits im Zug vom Flughafen Schiphol nach Amsterdam Centraal fiel mir ein, dass ich mich doch
in der Ankunftshalle hatte umsehen wollen, ob da jemand steht, der auf diesen Mann gewartet hat.
Ich hätte ihm oder ihnen sagen können, dass ich der Letzte war, mit dem er gesprochen hatte, ja,
ich hatte mir sogar letzte Worte ausgedacht, damit ihnen doch etwas blieb von dem Mann, auf den
sie vergeblich warteten (wirklich? Oder fantasiere ich das jetzt?) – aber ich hatte darauf vergessen!
Das erzählte ich am Abend desselben Tages einem Amsterdamer Freund, der antwortete: Auf den
hat höchstwahrscheinlich keiner gewartet, das war ziemlich sicher ein Transitpassagier!
Warum erzähle ich das jetzt Ihnen?


Nun, ich wurde eingeladen, vor Ihnen eine Sonntagsrede zu halten. Soweit ich sehe: vor
lauter Sitznachbarn. Aber bitte glauben Sie jetzt nicht, dass ich den beliebten Redentopos „Es ist
alles lächerlich, wenn wir an den Tod denken“ variiere, das wäre eine Verwechslung. Es ist Verwechslung
genug, dass ich eingeladen wurde, hier und heute zu reden.


Als ich angerufen und gefragt wurde, ob ich bereit wäre, eine Festrede zur Eröffnung des
Brucknerfests in Linz zu halten, fragte ich verblüfft: Wieso ich? Worüber soll ich da reden?
– Sie können sagen, was Sie wollen (antwortete mir eine fröhliche Stimme), mit nur zwei
kleinen Einschränkungen!
– Und die wären?
– Nichts über Bruckner und nichts über Linz!
Nun kann man schwerlich die Einladung ablehnen, zu sagen, was man sagen will. Und
die Einschränkungen sind nicht sehr dramatisch, ich möchte in meinem Leben nie größere haben.
Andererseits: Ich mache jeden Tag nichts anderes, als zu sagen, was ich will, zu schreiben,
was ich will, und es zu veröffentlichen. Ich versuche jeden Tag nichts anderes, als laut, das
heißt eben öffentlich, nachzudenken, worüber ich meine, dass nachgedacht werden muss, und zuer zählen, was ich erzählen kann. Manchmal habe ich eine Krise, manchmal bin ich sprachlos – und wenn
ich dann nicht sagen kann, was ich will, dann liegt es nicht daran, dass ich nicht eingeladen wurde.
Wenn ich also jetzt hier vor Ihnen stehe, dann ist das ein tautologischer Akt: Ich soll hier
tun, was ich immer tue – sagen, was ich sagen will. Gleichzeitig aber, und das ist das Perfide dieser
Situation, hebt sie das, was ich immer tue und tun will, einfach auf: Sie haben eine Erwartung,
und ich erfülle diese Erwartung. Und das wiederum ist genau das Gegenteil dessen, was ich immer
tue und tun will. Es ist nicht mein Interesse, und ich habe es nie als meine Aufgabe verstanden,
Erwartungen zu erfüllen und die Welt in ihrem So-Sein zu bestätigen.


– Dann sagen Sie doch etwas Kritisches!


Aber wenn Sie genau das von mir erwarten? Das tun Sie doch! Es fällt unter dasselbe
Verdikt! Es bekommt sofort etwas Salbungsvolles, wenn ich die Differenz zwischen schönen Idealen,
die sicher auch die Ihren sind, und der Realität kritisch abschreite, und Sie würden dies als eine
Levitenlesung hinnehmen, zu der Sie nicken können – es ist genau das, was man von einer Sonntagsrede
erwarten kann. Oder aber ich kann Sie offensiv kritisieren, die Provokation suchen, Dinge sagen, die
Sie nicht gerne hören, Wahrheiten, die Sie nicht akzeptieren können, denn wenn Sie sie akzeptieren
könnten, dann hätten Sie längst Konsequenzen gezogen und nicht auf diese Rede gewartet –
und Sie werden mir höflich zuhören und dann sagen: Genau das war ja zu erwarten: Der Idealist
wirft den Pragmatikern vor, dass sie keine Idealisten sind! Aber was wäre die Welt ohne uns Pragmatiker?
Und die Welt ist, wie sie ist, und einmal mehr bestätigt – durch eine Sonntagsrede, wie sie zu
erwarten war.


Das heißt: Was immer ich bei einem Anlass wie diesem sagen kann, es wird zur salbungsvollen
Affirmation, unter dem Vorwand, dies sei mein tägliches Geschäft. Aber genau das ist es eben
nicht! Ich bin meinem Selbstverständnis und Anspruch nach die Axt und nicht die Salbe. Und selbst
wenn ich das klarmache, nehmen Sie die Axt noch als billige Metapher, die es Ihnen erspart, der
Zimmermann zu sein, der die kritisierten Verhältnisse umbaut.


Die perfideste Aporie in diesem Zusammenhang ist folgende: Wenn ein Dichter, im buchstäblichen
Sinn des Begriffs ein „Freigeist“, dafür auffällig geworden ist, dass er frei und laut denkt
und Öffentlichkeit findet für seine Reflexion der öffentlichen Angelegenheiten, dann wird er nicht
nur eines Tages dazu eingeladen, Festreden zu halten, in denen er auf erbaulich verstörende Weisevorführen soll, was sein Geschäft ist, nämlich zu sagen, was er sagen will, er wird auch sofort zum
Metzger gemacht. Dann heißt es nämlich immer auch: Warum sollen wir das jetzt so besonders ernst
nehmen? Warum eigentlich soll ein Dichter in Hinblick auf gesellschaftliche und politische Fragen
eine qualifiziertere Meinung haben und Relevanteres sagen können als etwa ein Metzger? Oder ein
Installateur, ein Bankbeamter, ein Lehrer oder ein in der Privatwirtschaft erfolgreicher Manager?
Es werden, wenn diese Frage gestellt wird, jedes Mal alle möglichen Berufe genannt, eigentümlicherweise
aber immer der Metzger. Als wäre er das ideelle Mittel aller Berufe in der arbeitsteiligen
Gesellschaft. Als wären wir alle letztlich Verwurster ...


Immer wieder dieses langweilige Spiel – zuerst wird gerufen: Wo sind sie denn, die
Intellektuellen? Warum sagen sie denn nichts? Und wenn sie etwas sagen, dann heißt es: Warum
nimmt er sich so wichtig? Warum soll die Kritik des Künstlers relevanter und maßgeblicher sein als
das, was ein politisch einigermaßen interessierter Metzger sagen kann?
Bevor ich Weiteres sage, möchte ich Ihnen erklären, was den Dichter vom Metzger unterscheidet.
Sie werden auch dazu nicken können, aber Sie werden vielleicht doch einen Gedanken
mitbekommen, den Sie nicht erwartet haben.


Ein Metzger ist in der Regel ein Kleingewerbetreibender. Er hat die Interessen eines
Kleingewerbetreibenden und beurteilt die Welt danach, wie gerecht sie sich zu Kleingewerbetreibenden
und hier im Besonderen zu Metzgern verhält. Die Menschenrechte und alle schönen politischen Ideen
sind für ihn Grundlagen seines Rechts, Tiere zu schlachten, zu zerlegen, zu selchen, zu verwursten
und mit angemessenem Profit zu verkaufen. Sein Innerstes findet seinen Ausdruck in den Äußerungen
der Fleischer-Innung, er wird sich hüten, sich ins eigene Fleisch zu schneiden, und was immer
er als aufgeweckter und interessierter Mensch denkt, es ist eine Schnittmenge aus seinen partikularen
Sympathien und Interessen und den verallgemeinerten Interessen, wie sie seine Innung und
zum Teil auch die Wirtschaftskammer formulieren. Nun sind aber nicht alle Menschen Metzger – das
ist sein Glück und zugleich sein Verhängnis. Sein Glück, weil es deshalb viele Menschen gibt, die
einen Metzger, also ihn brauchen, daher an seinem Fortkommen interessiert sind, zugleich sein
Verhängnis, weil er den Widerspruch zu den Interessen der Nicht-Metzger nicht immer anerkennen
kann: die Interessen der Beamten, die ganz anders geartet sind als seine, die Interessen der Arbeiter,
die Interessen der Konzernmanager und so weiter. Er ist politisch interessiert. Aber zu welchen Schlüssenwird er kommen? Dass die Beamten und die Manager unfassbare Privilegien haben, während die Politik
den Metzgern das Leben skandalös schwer macht. Er ist politisch interessiert? Er hat eine Vorstellung
von Gemeinwohl? Er wird letztlich das Gemeinwohl mit der Messlatte des Metzger-Wohls beurteilen.


Er wird schon die Messlatte eines Lehrers, die Waage eines Juristen als nicht korrekt geeicht betrachten.
Aber er will sein Fleisch allen verkaufen, deswegen schweigt er. Er erklärt alle politischen und
gesellschaftlichen Differenzen, die er mit seinen Kunden haben würde oder müsste, zur Privat -
angelegenheit – also zur Angelegenheit jener Sphäre, in der er keine öffentliche Rolle mehr hat. Aber
wenn er könnte, wie er wollte, wenn es nach ihm ginge, dann wäre vieles ganz anders: Die Welt wäre
ein Paradies – für Metzger. Und der Apfel wäre wahrlich keine fleischliche Versuchung ...
Ich meine das alles nicht verächtlich und respektlos. Im Gegenteil. Ich verstehe das sehr
gut, das Streben nach beruflichem Erfolg, nach Anerkennung, nach Durchsetzung der eigenen
Interessen, und ich kann auch die politische Kritik des Metzgers nachvollziehen – die im Wesentlichen
eine gnadenlose Kritik an allen metzgerfeindlichen Verhältnissen in diesem Land, in der Europä ischen
Union und im Welthandel ist.


Jetzt spielen wir das Ganze noch einmal durch für den Lehrer, den Beamten, den Bauarbeiter,
den Manager und so weiter. Und plötzlich ist die Welt voll von Welten – dennoch haben wir nur eine.
Ich denke nicht, dass Sie alle hier Marxisten sind und daher glauben, dass es eine besondere Klasse
gibt, deren Interessen die Interessen der Menschheit schlechthin repräsentieren, und dass also durch
eine Diktatur dieser Klasse alle gesellschaftlichen Widersprüche gelöst werden können. Wenn Sie
mir also nicht mit dem Proletariat kommen wollen, dann hören Sie bitte auch auf, in den Interessen
und Bedürfnissen aller anderen Klassen, Stände, soziologischen Gruppen etwas anderes zu sehen
als sehr partikulare Bedürfnisse und sehr individuelle Interessen.


Die Frage ist jetzt vielmehr, ob es in der Welt der individuellen Interessen doch zumindest
Individuen gibt, die theoretisch die Möglichkeit haben, die Welt ohne Klassen-, Standes- und
Schichtinteressen zu sehen, und die Chance, das, was sie tun und denken, öffentlich so zu kommunizieren,
dass es über alle soziologischen Grenzen hinweg von allgemeinem Interesse ist.
Der Einzige, der aufgrund seiner Lebens- und Produktionsbedingungen die Möglichkeit
dazu hat, ist der Künstler, der freie Geist, der frei ist von allen Abhängigkeiten und Zwängen, wie
sie für alle anderen Berufe gelten. Er kann alle möglichen Interessen haben, aber sie können niebloß auf Standesinteressen zurückgeführt werden. „Künstler“ mag ein Beruf sein, zugleich sind „die
Künstler“ keine Berufsgruppe im herkömmlichen Sinn – weil keiner sein will wie ein anderer (darum
unterscheiden wir ja zwischen Künstlern und Epigonen), und nur in seiner radikalen Einzigartigkeit
kann er tun, was er tut. Zugleich aber hat er für sein Tun kein anderes Material zur Verfügung als
das allgemeinste, die Sprache, die Farben, die Töne, buchstäblich ALLE MÖGLICHEN Informationen,
ALLES MÖGLICHE Material, dem Anspruch nach die Welt.


Ich behaupte nicht, dass der Künstler gleichsam mit existenziellem Automatismus imstande
ist, die einzig gültigen Aussagen über unsere Lebensrealität zu liefern. Er muss auch das Interesse
daran haben, das Temperament, die neurotische Energie, die es braucht, um sich der Häme auszusetzen
und sie zu ertragen, und dann noch eine Reihe anderer Voraussetzungen, die es ermöglichen,
dass er wirksam werden kann. Natürlich kann er auch grotesk irren – aber selbst diese Irrtümer
können produktiver sein als die kleinen Wahrheiten, die nicht über den Tag hinaus wahr bleiben.
Ich rede nur von den Bedingungen der MÖGLICHKEIT.


Der Künstler verarbeitet die Welt. Der Metzger verarbeitet Fleisch. Und das ist der Unterschied.
Nur damit da kein Missverständnis aufkommt: Ich bin kein Vegetarier. Ich liebe Steaks.
Und deshalb liebe ich die Meister dieses Fachs. Aber der „Metzger“ ist an diesem Punkt unserer
Diskussion längst schon zur Metapher geworden – für jeden, der bleiben muss, was er ist, wenn er
nicht die Mittel zum Leben verlieren will. Der Künstler kann morgens ein Gärtner sein, mittags ein
Bürgermeister oder nachmittags ein Metzger, er kann immer etwas anderes sein, auch ein Kind oder
das andere Geschlecht. Er kann, wenn er es verstehen und verarbeiten will, sogar ein Faschist sein –
ohne je einer wirklich zu werden. Der Metzger aber ist manchmal nicht einmal der Metzger – der er
zu sein glaubt. Er glaubt zum Beispiel, dass er, als Unternehmer, die Partei wählen muss, die politisch
die Unternehmerinteressen vertritt. Diese Partei hat aber schon längst aus wirtschaftsspolitischen
Erwägungen (andere will ich hier gar nicht unterstellen) die Entscheidung getroffen, die große
Fleisch verarbeitende Industrie, die Ketten, die global agierenden Konzerne zu vertreten – die den
lokalen Metzger verdrängen und umbringen. Er ist also Metzger – und für seine eigene politische
Vetretung doch keiner, der wirtschaftlich bedeutend genug ist. Kann „unser“ Metzger das verstehen?
Ohne unzulässig verallgemeinern zu wollen: Ich fürchte, nicht einmal der Pferdefleischhauer von Robert
Musils „genialem Rennpferd“ wird anders als mit Ressentiment reagieren.

Wird er zu Schlüssen oder Einsichten kommen, die zumindest die Wahrheit eines
„ideellen Gesamtmetzgers“ sind, oder eher doch nur zu denen eines kleinen, lokalen Metzgers, im
Grunde eines alleingelassenen Mannes, der nicht um die Wahrheit, ein Bild von der Welt, den Ausdruck
der Gattung in ihrer Zeitgenossenschaft kämpft, sondern schlicht und verständlich um sein eigenes
ökonomisches Überleben?

So, und jetzt stellen wir uns Folgendes vor: Sie alle hier sind Metzger. Und Sie wurden
von der Metzger-Innung oder Ihrer Partei, die Sie zwar schon längst im Stich gelassen hat, aber sich
natürlich noch immer um Sie bemüht, eingeladen, hier Kulturgenuss zu erleben, Hochkultur, hoch
subventioniert, im Namen eines toten Künstlers, also hoch über jeden Zweifel erhaben, und da steht
ein lebender Künstler, der eine Sonntagsrede zur Eröffnung des Kulturfests halten soll. Er darf sagen,
was er will. Aber er ist kein Metzger. Er ist alles Mögliche nicht, darum kann er alles Mögliche sein.
Deshalb spricht er über Dinge von allgemeiner Bedeutung. Über Phänomene, die ihn als kritischen
Zeitgenossen beschäftigen. Und er soll ja etwas Kritisches sagen, weil erwartet wird, dass er das will.
Und so spricht er zum Beispiel über den Skandal, dass diese Republik einen Parlamentspräsidenten
hat, der offen mit dem Nationalsozialismus sympathisiert. Er erklärt, warum dieser Skandal noch um
ein Vielfaches größer ist, als es die sogenannte „Waldheim-Affäre“ gewesen war. Kurt Waldheim war
kein Nazi und kein Unterstützer der rechtsextremen Szene, kein Förderer der Holocaustleugner und
Wiederbetätiger, auch kein Kamerad derer, die immer gleich drei Biere bestellen. Er war ein Mitläufer.
Ein Opportunist, der in höchste Ämter mitgelaufen ist. Vielleicht auch ein Lügner, obwohl das dramatischer
klingt, als es war: Er war wohl eher ein Verdränger. Er war mehrheitsfähig, weil es in diesem
Land ausreichend Verständnis für Opportunisten gibt, die, wenn die Opportunitäten sich ändern,
andere werden und dann eben wollen, dass ein Schlussstrich gezogen wird. Und wenn der Schlussstrich
höchstes Symbol des Staates ist, dann fühlen sie sich mit einigem Recht repräsentiert – aber unter
dem Strich sind sie eben keine Rechtsextremen, sondern das, was sie genauso wie ihr Präsident geworden
sind: andere. Mit Martin Graf verhält es sich ganz anders. Zum ersten Mal ist ein Politiker in
eines der höchsten Staatsämter gewählt worden, der ganz offen noch immer mit jener verbrecherischen
Ideologie sympathisiert, gegen die unsere Republik gegründet wurde. Er ist kein Waldheim,
der so radikal Schluss machen wollte mit der Geschichte und so konsequent nichts mehr mit ihr zu
tun haben wollte, dass ihm Vergesslichkeit vorgeworfen wurde. Für Graf ist „Niemals vergessen“ einSynonym für die Treue, niemals die Nazi-Ideologie zu vergessen. Und er wurde, anders als Waldheim,
nicht von der Mehrheit der Bevölkerung, die einfach nichts mehr hören wollte von der Nazi-Zeit, in
sein Amt gewählt, sondern von Repräsentanten der staatstragenden Parteien, zum Beispiel geschlossen
vom Klub der ÖVP-Abgeordneten – die genau wussten, welche Ideologie Herr Graf vertritt und
dass er damit eben nicht Schluss machen wollte. Hier haben die staatstragenden Parteien den Staat,
Abgeordnete der Republik die Republik auf eine Weise beschädigt, die sie selbst ganz offensichtlich
nicht begreifen. Und es gibt keine Konsequenzen.

Warum nicht?

Dann spricht der Dichter in seiner Sonntagsrede weiters darüber, dass man das vielleicht
alles nicht so eng sehen dürfe, sondern die große Entwicklung im Auge behalten müsse: Unser Staat
geht auf in einem größeren Zusammenhang, dem Zusammenwachsen des Kontinents, einem faszinierenden
Friedens- und Wohlstandsprojekt, in einer wunderschönen konkreten Utopie. Aber dann
macht er doch, weil ihn das beschäftigt und es uns alle betrifft, auf die demokratiepolitischen Defizite
dieser Entwicklung aufmerksam, die mit dem sogenannten „Lissabonner Vertrag“ nicht ausgeräumt,
sondern vielmehr in Stein gemeißelt werden (und er erklärt das auch, jedenfalls): Er fragt nach, wie
viele Phrasen dieses Projekt noch verträgt, ohne zu ersticken. Wie oft noch Friede gesagt werden
kann von jenen, die Belgrad bombardiert haben – eine europäische Stadt – oder die europäische
Truppen geschickt haben in den völlig sinnlosen Krieg, den eine nicht europäische Macht vom Zaun
gebrochen hat. Oder wie oft noch Wohlstand gesagt werden kann von jenen, die den Wohlfahrtsstaat
abbauen, und wie oft noch Sicherheit gesagt werden kann von jenen, die die Idee der Grundsicherung
nicht begreifen, aber im Ernst (in buchstäblich tödlichem Ernst) glauben, dass „unsere“ Sicherheit
davon abhängt, wie gut Flüchtlinge in den Tod getrieben werden können. Wie oft noch Freiheit gesagt
werden kann von jenen, die die Freiheit der Menschen sogenannten Sachzwängen unterwerfen – um
nur die Freiheit der Konzerne zu befördern?


Sie reden von Demokratie und glauben, dass sie existiert, wenn man sie behauptet. Sie
behaupten Demokratie und entwickeln ein System, in dem Grundprinzipien der parlamentarischen
Demokratie keine Gültigkeit mehr haben. Sie unterstellen jedem nachdenklichen Europäer, der kritische
Einwände vorbringt, ein Nationalist zu sein, haben aber selbst kein Problem mit National -
sozialisten. Sie wählen sogar einen zum Präsidenten eines Parlaments, das sie dadurch beschädi-gen, während sie von einer Demokratie reden, die sie zugleich durch den „Lissabonner Vertrag“ definitiv
abbauen. Sie wiederholen unablässig den Satz „Ich bin ein glühender Europäer“, als hinge das
Befinden eines Kontinents von den Höchstwerten ihrer Fieberkurve ab.


Wie lange noch diese Phrasen?

Warum ist Martin Graf kein Skandal? Und warum kann über demokratiepolitische Defizite
der Europäischen Union nicht diskutiert werden, ohne dass sich sofort ein Sumpf auftut, aus dem
die Blasen der Populisten aufsteigen, mit denen kein denkendes Gemüt sich gemein machen will,
während die „glühenden Europäer“ der „Europa-Partei“ einen Nationalsozialisten zum Parlaments -
präsidenten wählen, um sich die National-Populisten als „politische Option“ zu erhalten? Und was
ist schon die Niedertracht dieser politischen Option, gemessen am Verrat an den Menschenrechten,
wenn dadurch Wirtschaftschancen auf dem Weltmarkt gewahrt werden können? Warum ist es
kein Skandal, wenn unsere politischen Repräsentanten die Mörder vom Tiananmen-Platz hofieren
oder wenn sie eine Demokratiebewegung im Iran im Stich lassen? Ist der Zugang zum großen
chinesischen Markt wichtiger als die Menschenrechtsdeklaration? Ist der Zugang zu den iranischen
Öl feldern wichtiger als die Demokratie?


Menschenrechte, Demokratie, Antifaschismus – Phrasen! Und es ist kein Skandal, Phrasen
immer wieder im Munde zu führen, sie dann aber in der Praxis nicht unbedingt ernst zu nehmen.
Aus einem einfachen Grund. Sie hier sind Metzger – und das alles betrifft Sie nicht wirklich.
Meinen Sie. Was macht es denn für einen Unterschied für Sie, ob Martin Graf Parlaments -
präsident ist oder ein anderer? Was ändert sich für Sie? Haben Sie mit oder ohne Graf mehr oder
weniger Kunden, besseres oder schlechteres Fleisch? Werden Ihre Kreditzinsen reduziert, wenn Sie
gegen Graf protestieren? Wird das Fernsehprogramm besser, wenn Sie Druck auf Ihre Partei ausüben,
um Graf abzusetzen? Behandelt Sie dann der Oberkellner Ihres Cafés freundlicher? Würde ein Kampf
gegen Martin Graf zu größerer Anerkennung in Ihrem Freundeskreis führen? Na eben.
Und: Demokratiepolitische Defizite in der EU – für Sie ist DAS eine Phrase. Sie kennen
doch jemanden in der Innung. Und alles andere ist sehr komplex. Was macht es für Sie für einen
Unterschied, ob das Europäische Parlament nur diese oder doch mehr Rechte hat? Sie lesen in der
Zeitung, womit Sie leben müssen, und Sie versuchen, Ihr Leben unter den je gegebenen Bedingungen
zu machen. Immer so, wie Sie gerade müssen. Und wenn es schiefgeht, dann sagen Sie: „Die Zeiten“ seien schlecht gewesen, die Zeiten, als hätte es in diesen Zeiten keine Menschen gegeben, die vor
Ihren Augen falsche Entscheidungen getroffen haben, Menschen, die Sie nicht abwählen konnten,
weil es Sie nicht einmal interessiert hat in Ihrem Lebenssystem, warum Sie sich dagegen wehren
sollten, dass ein System errichtet wird, in dem Sie die Verantwortlichen nicht mehr wählen und abwählen
können. Haben Sie den Rat der EU gewählt? Haben Sie die Kommission gewählt? Na eben. Und
die Menschenrechte? Öl ist Ihr Menschenrecht. Ein freier Weltmarkt ist Ihr Menschenrecht. Steht ja
in der Zeitung. Alles andere ist bloße Moral infolge einer vergessenen Geschichte.


Vielleicht hätten Sie dem Sonntagsredner sogar da oder dort zugestimmt, genickt. Dann
wieder den Kopf geschüttelt. Und dabei doch auch genickt. Weil das dazugehört zur Sonntagsrede.
So wie die Aufforderung Ihres rauchenden Arztes, dass Sie nicht rauchen sollen. Oder das Cholesterin.
Sie wissen es ja, Sie sollten aufpassen. Aber jetzt wollen Sie erst einmal genießen. Weil nach der
Sonntagsrede kommt der Genuss.


Darum bricht der Dichter die Sonntagsrede ab. Im Grunde hat er, neben Ihnen, nur kurz
gehechelt. Es war zwar das Symptom eines existenziellen Kampfes, aber Sie haben das verwechselt
und halten ihn für einen Wichser!
In der Regel ist es zu spät, wenn Sie begreifen.
Er ist ein Transitpassagier.
Posthum wird er upgegradet.
Sie werden in der Ankunftshalle auf die vergessen, die gewartet haben. Sie haben Ihre
eigenen Sorgen.


Deshalb will ich Ihnen heute nichts anderes sagen als das Einzige, was man vielleicht
sinnvollerweise in einer Sonntagsrede sagen kann: Genießen Sie den Sonntag, genießen Sie das Erbe
eines toten Künstlers – aber nehmen Sie dies als letzte Worte mit: Hören Sie auf Ihre lebenden Künstler
während der Woche!

1
Reden? · von Milena (1) · 15.09.2009 06:43 Uhr

Umgeben von schreienden Befehlen, sprechenden Gefühlen und einem flüsternden Gewissen.
www.zeitzug.com

(0)
Artikel 13. September 2009 - 15:38 Uhr
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