11. Juli 2015 - 00:04 Uhr · Jasmin Bürger · Kultur

Zwischen Hoamatland und ORF-Deutsch

Zwischen Hoamatland und ORF-Deutsch

Bürger am Donaukanal vor dem Ringturm, wo die Sommergespräche heuer stattfinden. Bild: ORF

Hans Bürger moderiert heuer die ORF-Sommergespräche mit den Parteichefs. Der Trauner lebt seit 22 Jahren in Wien, seit 13 Jahren ist er Innenpolitik-Chef bei der "Zeit im Bild" – ein echter Wiener wird er aber nicht mehr.

Das ORF-Deutsch sitzt: Sobald das Aufnahmegerät läuft, spricht Hans Bürger nach der Schrift. Beim Besuch der OÖNachrichten im ORF-Zentrum auf dem Küniglberg wechseln wir dann aber schnell ins Oberösterreichische. Und der erste Schmäh ist aufgelegt: "Bürger trifft Bürger", amüsiert sich der ORF-Journalist – der gemeinsame Nachname ist Zufall.

"Dahoam" fühlt sich der in Traun-Sankt Martin aufgewachsene Bürger nach fast einem Vierteljahrhundert in Wien nicht. Oberösterreich-Pickerl, SK-Voest-Wimpel, eine Traunsee-Wandertafel zieren neben Familienfotos und Zeichnungen seiner Söhne Benno und Taddeo sein Büro. "Meine Kollegen finden mein Oberösterreich-Getue schon unaushaltbar", sagt der bald 53-Jährige. Weshalb er ihnen nun die Darbietung der Landeshymne erspart, die bei allerlei Gelegenheiten aus ihm herausbricht.

Das ist der emotionale Hansi, wie ihn Kollegen nennen. Das andere Gesicht zeigt er, wenn er Freizeithemd gegen Anzug und Krawatte tauscht und vor die Kamera tritt. Sachlich analysiert der Chef des Ressorts Inland/EU die politische Lage des Landes, als Kommentator im ZiB-Studio, bei Live-Einstiegen von Politgipfeln. "Die Sommergespräche sind Höhepunkt meines bisherigen Schaffens", sagt er.

Ein Kind der voest

Der Weg in den Journalismus war nicht vorgezeichnet: Die Eltern arbeiteten in der voest, die Mutter als Übersetzerin, der Vater als Bautechniker. Der einzige Sohn ging zur katholischen Jugend: "Man kann es mit der katholischen Erziehung auch übertreiben", sagt er heute.

Dem Kindheitstraum einer Karriere als Skirennläufer oder Fußballer musste Bürger nach einer Operation abschwören. Als er später die Skilehrer-Prüfung versuchte, scheiterte der Höss-Fan am "Schule fahren". Eine Niederlage, die ihn nicht losließ: Mit 42 schrieb er sich noch zu Rennkursen beim ÖSV ein, um sich sein skifahrerisches Können zu beweisen – "bis bei einem Sturz der Daumen fast ab war".

Nach der Matura studierte Bürger Volkswirtschaftslehre in Linz, in den Ferien stand er als zweiter Gießer am voest-Ofen. Das Berufsziel war undefiniert: "Ich habe befürchtet, in einer Bank zu landen, und gehofft, beim Wirtschaftsforschungsinstitut unterzukommen."

Dass er als Elfjähriger "Wirtschaftsjournalist" als Traumberuf ins Tagebuch notiert hatte, fiel Bürger erst wieder ein, als er vor Kurzem das Tagebuch fand. Der Traum hat sich recht ungeplant erfüllt: Bei der "Kronen Zeitung" diente er zu Studienzeiten als Bote, ein Ressortchef witterte Talent und schickte Bürger zu einer Pressekonferenz. "Ich habe gefragt, was eine Pressekonferenz ist." Der Jungspund bekam 1985 trotzdem eine Chance. 1987 ging er zum ORF-Casting und wurde genommen.

Vor Live-Berichten "hatte ich da Riesenangst, weil ich schüchtern war", sagt er. Was man ihm schwer abnimmt: Kollege Bürger ist locker, gesellig, lacht herzlich und viel.

Zwischen Hoamatland und ORF-Deutsch

Beim FC Presse Oberösterreich sind auch Kollegen der OÖNachrichten vertreten.

Ungemütlich kann der FC-Presse-Stürmer auf dem Fußballplatz werden. Wie bei seinem ersten Match gegen den FC Politik, 1985, als ihn der gegnerische Verteidiger böse in die Achillessehne trat: "Sie Arschloch", schimpfte Bürger. "Sie hatten recht", entschuldigte sich der Treter nach dem Abpfiff – 15 Jahre später war Wolfgang Schüssel Kanzler, und Bürger hat seither eine Spitzen-Anekdote im Talon.

Der schlimmste Auftritt

Mit Schüssel ist auch Bürgers "schwärzester Moment meiner TV-Karriere" verknüpft: Der ORF hatte entschieden, von der schwarz-blauen Angelobung 2000 nicht live zu berichten. "Dann drückt mir dort wer ein Horcherl ins Ohr, ein Mikro in die Hand und ich bin auf Sendung." Überrumpelt: "Ich hab so getan, als würde ich nichts hören."

Als Lokaljournalist aufgefallen war er einst beim ORF in Wien mit Berichten vom Noricum-Prozess. Das erste Angebot für die ZiB lehnte er ab. 1993 "war klar, wenn ich jetzt nicht zusage, fragen sie mich nie wieder". Also ging es in die große Stadt, wo die Bürgers nun – seit 2006 ist er mit "Presse"-Journalistin Friederike Leibl-Bürger verheiratet – im achten Bezirk leben.

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Anfang der 90er als Reporter beim Noricum-Prozess.

Reporter, EU-Korrespondent, Inlands-Chef, Bürger stieg auf. 13 Jahre in derselben Position sind im ORF eine lange Zeit. Bürger halte sich, weil er politisch mit allen könne, sagen einige. Selbst weist er jede Nähe zu einer Partei zurück, "da haben mich meine Eltern geprägt, die nie bei einer Partei waren". Zur Professionalität gehört auch das Abwehren von Interventionen, deren es mal mehr, mal weniger gibt. Dass er abseits der Kameras mit den meisten Parteichefs per Du ist, "ist vielleicht nicht vernünftig, aber da bin ich wohl vom oberösterreichischen Klima geprägt".

Angebote aus der Politik

Drei Angebote für einen Seitenwechsel hatte er. Aber für die Politik "bin ich ein bissl zu gemütlich", sagt der Sieben-Stunden-Schläfer. Kritisch sieht er die Veränderungen: "Im Twitter-Zeitalter sind die inhaltlichen Anforderungen an Politiker, in die Tiefe zu gehen, gesunken." Statt Backgroundwissen zählten Eloquenz, Schnelligkeit, Flexibilität. "Der ideale Politiker von heute wäre wahrscheinlich ein Schauspieler, der einen Politiker spielt."

Bürger wird, neben anderen, als Info-Chef im neu organisierten ORF gehandelt. "Meine Position, in der ich ein Ressort leite und berichten kann, ist wunderbar. Von mir aus muss ich bis zur Pensionierung nix anderes machen", winkt er ab.

Einen Herzenswunsch hegt er für danach: Zurück ins Hoamatland, "aber das hängt von meiner Frau ab". Die Kremserin ist mehr Stadtmensch als ihr Mann, obwohl die Familie oft nach Oberösterreich fährt. Und wie geht’s einem Mostschädl, wenn die Kinder, für die er vier Monate in Karenz war, Wiener werden? Er seufzt. Immerhin: "Dem Papa zuliebe sagen sie viertel nach eins und nur bei der Mama viertel zwei."

 

27. Juli: Am letzten Juli-Montag starten die diesjährigen TV-Sommergespräche mit den Parteichefs. Als ersten Gast begrüßt Hans Bürger Neos-Chef Matthias Strolz, bis 31. August folgen, jeweils montags um 21.05 Uhr auf ORF 2, Frank Stronach, Eva Glawischnig (Grüne), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Reinhold Mitterlehner (VP) und Werner Faymann (SP).

87 Mal hat Bürger bisher in seiner TV-Laufbahn die TV-Pressestunde am Sonntag moderiert: Zum ersten Mal im Jahr 2000, zu Gast war Heinz Fischer, damals für die SPÖ Nationalratspräsident. 1997 war Bürger für acht Monate als EU-Korrespondent in Brüssel.

2010 wurde Bürger mit dem Dr.-Karl- Renner-Publizistikpreis des Journalistenklubs ausgezeichnet. Er hat neben seinem TV-Job zwei Wirtschaftsbücher geschrieben.

 

Nachgefragt

Heimat ist für mich… „etwas sehr Schönes“

Heimweh nach Oberösterreich bekomme ich… „regelmäßig“

Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich... „Wirtshäuser“

Mein Lieblingsplatz in Wien... „Der Rathausplatz, weil er sich ständig verändert, vom Filmfestival im Sommer bis zum Adventmarkt im Winter.“

Das gibt es nur in Wien... „schnelle U-Bahnen“

Der größte Unterschied zwischen Wienern und Oberösterreichern ist... „Wiener raunzen deutlich mehr.“

 

 

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Zwischen-Hoamatland-und-ORF-Deutsch;art16,1895843
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