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"Wozzeck"-Premiere: Die Zombies einer kriegslüsternen Gesellschaft

Opern-Kritik: William Kentridges Inszenierung war bildgewaltig, drängte aber die Musik zu weit zurück.

"Wozzeck"-Premiere: Die Zombies einer kriegslüsternen Gesellschaft

"Wozzeck"-Premiere in Salzburg mit John Daszak (Tambourmajor, l.) und Matthias Goerne in der Titelrolle. Bild: APA/NEUMAYR/LEO

Es hat Sinn, Alban Bergs Oper "Wozzeck", die am Dienstag im Haus für Mozart in der Regie von William Kentridge bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, in die Zeit ihrer Entstehung zu verlegen, als psychotraumatische Verarbeitung von Bergs eigenem Erleben von militärischer Hierarchie und der bloß einem Ziel – dem Krieg – gehorchenden Entmenschlichung des Individuums. Folgerichtig wandeln puppenhafte Schemen mit Gasmasken über die Bühne, Menschen, die keine sind, sondern Zombies, einer brutalisierten, kriegslüsternen Gesellschaft, die keine Zukunft haben kann und darf. Selbst Maries Kind ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern eine Handpuppe ohne Seele und eigenen Lebensmut.

"Wir arme Leut" ist das zentrale musikalische Motto, das so vielfach Bedeutung erlangt. Diese Lebenswüste gestaltete Sabine Theunissen als chaotisch aufgetürmte Bretterbude, als einen Spielort, der die Enge der Garnisonsstadt prägt, die durch zahlreiche Videosequenzen (Catherine Meyburgh), die Kohlezeichnungen von Kentridge zum fragwürdigen Leben erweckt, überlagert wird. Das hilft zwar, kleine Räume für die intimen Szenen zu ermöglichen, bringt aber Chaos in etwas, das absolut perfekt geordnet und durchdacht ist – nämlich Alban Bergs Oper selbst.

Wie ein Mensch zum Mörder wird

Doch da gibt es trotz aller inszenatorischer Logik auch ein riesiges Problem, dass nämlich die überbordende Bilderwelt die Musik und das eigentliche Drama nicht stützt, sondern beinahe im szenischen Müll von unzähligen Details und Filmszenen untergehen lässt. Man kommt mit dem Schauen nicht nach und wird davon, was mit dem entindividualisierten Wozzeck geschieht, abgelenkt. Wie ein Mensch durch militärischen Drill und psychischen Terror zum Mörder wird, wie er sich aber auch selbst dieser Gesellschaft entzieht und unnahbar wird – ein Narr, der die Wahrheit kennt, die ihm aber niemand abnehmen will. Und derart torkelt die Gesellschaft an ihrem Untergang knapp vorbei, indem sie den opfert, der von ihr gequält wird.

Dennoch hat diese Bilderflut das Publikum restlos begeistert, bekam doch William Kentridge den intensivsten Applaus zugesprochen. Auch für Vladimir Jurowski und die Wiener Philharmoniker gab es Bravorufe, doch standen diese ein wenig auf verlorenem Posten, denn so wirklich hinhören konnte man bei diesem Spektakel nicht. Dabei hat Jurowski die Partitur klar analytisch bloßgelegt und beinahe raue, kühle Klänge entstehen und ganz im Gegensatz zur Inszenierung sehr kammermusikalisch spielen lassen. Dort wo die Musik aufbraust, kommt auch die romantische Wurzel nicht zu kurz, wenngleich man etwa die Invention über eine Tonart im dritten Akt schon intensiver und bewegender gehört hat.

Die Musik kam zu kurz

Aus dem Ensemble stach Matthias Goerne als Wozzeck heraus, der in diesem schwierigen szenischen Umfeld die Figur stark zeichnet und stimmlich restlos beeindruckt. Wirkliche Sensation war aber die Marie von Asmik Grigorian, die die Rolle ungemein intensiv interpretierte und dabei intelligente Eigenwilligkeit zeigte. John Daszak blieb ein blasser Tambourmajor, Gerhard Siegel ein ordentlicher Hauptmann, der aber kaum mit den verrückten Ausführungsanweisungen spielen mochte. Jen Larsen war ein profunder Doktor, dem aber der wissenschaftlich bornierte Wahnsinn fehlte. Tobias Schabel ließ den "Branntewein" überzeugend in die Gurgel fließen und ergänzte wie die restlichen Solisten und der ideal von Ernst Raffelsberger studierte Chor der Wiener Staatsoper fein das Ensemble. Eine ungewöhnliche, nicht unschlüssige, aber aufgrund der Überbilderung nicht restlos überzeugende Produktion, in der die Musik eindeutig zu kurz kam.

Salzburger Festspiele: Premiere von Alban Bergs Oper "Wozzeck", 8. August

OÖN Bewertung:

 

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Artikel Michael Wruss 10. August 2017 - 00:04 Uhr
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