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Wilhelm Genazino: Ein Anti-Held, wie er nur in Genazino-Büchern steht

Geburtstag: Der große Autor und Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino wird am Dienstag 70 Jahre alt.

Ein Anti-Held, wie er nur in Genazino-Büchern steht

Am 28. Jänner erscheint sein neuer Roman: „Tarzan am Main: Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“. Bild: dpa

In Wilhelm Genazinos Romanen schwingt die Ironie so spielerisch mit, als wäre sie ihm passiert. Seine feinsinnigen und sprachlich makellosen Texte beherbergen stets einen melancholischen, an Enttäuschungen reichen, aber an Hoffnungen unersättlichen Protagonisten, der die Existenzkunst wie eine Macke pflegt – eine durchschnittliche Figur auf der Suche nach dem kleinen Glück, ein Anti-Held, wie er nur in Genazino-Büchern steht. Morgen, am 22. Jänner, wird Wilhelm Genazino 70 Jahre alt.

Der detailverliebte Flaneur durch das Kleinbürgertum der Großstadtkulisse erhielt 2004 den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Anerkennung im deutschen Sprachraum. 2007 folgte der Kleist-Preis, und weil er „noch genauso anerkennungsbedürftig wie vor 35 Jahren“ ist, freut er sich über den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“, der ihm im Februar bevorsteht, auch wieder so, als wäre es seine erste Auszeichnung. Was all diese Preise nie vermochten, ist die Gewissheit, dass er sich auf seine Qualität in jeder seiner Neuerscheinungen verlassen kann. Er sehnt sich nach einer „Das wird schon“-Gelassenheit, aber gespürt hat er sie noch nie.

Als „Individualisten wider Willen“ beschreibt Genazino seine sich abstrampelnden skurrilen Figuren, denen wie in „Mittelmäßiges Heimweh“ schon mal beim Kneipenbesuch ein Ohr abfällt, ohne dass dies dem Leser absurd vorkäme. In seinem Roman „Die Liebesblödigkeit“ hält ein freischaffender Apokalyptiker, der parallel mit zwei Frauen liiert ist, Wochenendseminare über Katastrophen. In dem herrlichen „Ein Regenschirm für diesen Tag“ läuft sich ein Schuhtester Herz und Füße bei der Ausübung seines Jobs wund. In „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ sucht ein Putzerei-Logistiker Zuflucht in einer Heilanstalt für psychisch Kranke, weil ihn seine Lebensgefährtin mit ihrem Kinderwunsch konfrontiert.

Am 28. Jänner wird sein neuer Band „Tarzan am Main: Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ bei Hanser erscheinen, und wieder stöbert er damit nach dem Großen im Kleinen, an jenen Orten, wohin sich Stadtrundfahrten nie verirren.

Seine Bücher sind selten mehr als 200 Seiten stark, weil Genazino fürchtet, das Ende eines dickeren Buches nicht zu erleben. Überhaupt schwingt in seinen Veröffentlichungen immer Angst mit. „Dieses Gefühl hab’ ich seit meiner Kindheit im zerbombten Mannheim nicht mehr abschütteln können“, sagt er. Als er noch verheiratet war, fürchtete er etwa ununterbrochen, dass die Ehe scheitern könnte.

Frankfurt, der ideale Ort

Genazino arbeitete ursprünglich als Zeitungsredakteur, bis 1971 unter anderem beim Satire-Magazin „Pardon“ in Frankfurt. Dort wohnt er heute noch, weil er die Mischung aus aufgeblasener Bankenmetropole und dörflichem Vorort-Charakter schätzt. In diesem Milieu würden ihm die Romanstoffe nur so zufliegen. Aber vor allem in diesen Tagen sei er wieder einmal außerordentlich beunruhigt, „weil jede Einzelheit an mir 70 Jahre alt wird – das ist durchaus einschüchternd“.

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Artikel Peter Grubmüller 21. Januar 2013 - 00:04 Uhr
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