Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Montag, 27. Juni 2016, 11:35 Uhr

Linz: 15°C Ort wählen »
 
Montag, 27. Juni 2016, 11:35 Uhr mehr Wetter »
Startseite  > Kultur

Wie Menschen zwei Mal Opfer werden

Wahrscheinlich durch Rechtsbruch kam die „Krone“ zum Foto toter Flüchtlinge. Sie ist wieder ein Fall für den Presserat.

Flüchtlinge: Was gezeigt wird und was nicht, ist eine Gewissensentscheidung Bild: EPA

170 Anzeigen gegen die "Krone" landeten bis Montagmittag auf dem Schreibtisch von Alexander Warzilek, Geschäftsführer des Österreichischen Presserates. So viele Beschwerden gab es noch nie.

Bei allen ging es um das Foto toter, zusammengepresster Körper auf der Ladefläche des Flüchtlings-Lkws in Parndorf. Das Boulevardblatt hatte es am Freitag ohne Rücksicht auf den Opferschutz abgedruckt – wodurch die Toten zum zweiten Mal Opfer wurden.

Die "Krone" versuchte ihre abstoßende Verfehlung zu rechtfertigen: Das Foto zeige "die Dramatik des Todeskampfes von Männern und Frauen ohne Sauerstoff".

Lust an der Sensation

Presserats-Mitglied Andreas Koller dagegen nannte die Veröffentlichung "unentschuldbar. Es ist inakzeptabel, Flüchtlinge nach ihrem grausamen Tod aus purer Lust an der Sensation im Zeitungsboulevard zur Schau zu stellen."

Heute wird der zuständige Senat des Presserates ein Verfahren einleiten. Das ist bei der "Krone" nicht selten. Im Vorjahr wurden bei heimischen Medien insgesamt 35 Verstöße gegen den Ehrenkodex der Presse festgestellt – 16 Mal betraf es die "Krone", elf Mal "Österreich" und fünf Mal "Heute."

Die Hauptübeltäter sind ausgerechnet jene drei Blätter, die von der öffentlichen Hand (Regierung, staatsnahe Betriebe) mit Abstand die meisten Inserate bekommen.

Matthias Karmasin, Universitätsprofessor und Fachmann für Medienethik, verweist auf drei Punkte, die das "Krone"-Bild so skandalös machen. "Erstens: Wie ist man zum Foto gekommen? Der Beschaffungsvorgang dürfte problematisch sein."

Laut Polizei wurde das Bild von einem Beamten gemacht und möglicherweise von einem anderen weitergegeben. Das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung wird nun versuchen, den "Krone"-Komplizen zu enttarnen.

Karmasin weiter: "Bei der Veröffentlichung muss man das mögliche Interesse des Publikums und die Menschenwürde abwägen. Die Flüchtlinge wurden ermordet – da hat der Opferschutz Vorrang."

Schockbilder sind möglich

Auf Facebook und Twitter wird nun debattiert, ob man in schrecklichen Zeiten nicht auch schreckliche Bilder zeigen müsse. ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary etwa meint, die im Netz kursierenden Fotos von Kindern, die auf der Flucht im Meer ertranken, seien "pietät- und geschmacklos, aber unsere Zeiten sind es auch". Es habe doch "etwas Unehrliches, die Politik nicht zu ändern, die zu diesen Tragödien führt".

Ja, ein Medium kann Schockbilder zeigen, wenn es ein Aufklärungsinteresse hat und legal zu ihnen kam. Die "Krone", bekannt für reißerische Aufmachung, kam durch Rechtsbruch zum Foto.

Besonders absurd: Das Firmenlogo auf dem Lkw wurde verpixelt – die Toten wurden gezeigt.

Kommentare anzeigen »
Artikel Christoph Kotanko 01. September 2015 - 00:04 Uhr
Weitere Themen

Zeichner Manfred Deix 67-jährig gestorben

KREMS. Der große österreichische Zeichner und Karikaturist Manfred Deix ist am Samstag 67-jährig gestorben.

Götz George im Alter von 77 Jahren gestorben

BERLIN. Der Schauspieler Götz George ist tot. Wie seine Agentin am späten Sonntagabend in Berlin ...

"Es ist viel zu früh, über Namen zu spekulieren"

ORF-Chef-Kandidat Richard Grasl über die Zukunft des ORF, das OÖ-Landesstudio und Kontrahent Wrabetz.

Deix: Die wichtigsten Stationen seines Lebens

Zeit seines Lebens hat der gebürtige St. Pöltner mit seinen ebenso bissigen wie treffenden Werken die ...

"Hamlet" in Freistadt: Ein Königsmord im Dogma-Stil

FREISTADT. Ulf Dückelmann über seine Uraufführung "Hamlet" bei der theaterzeit//freizeit.
Meistgelesene Artikel   mehr »
Bitte Javascript aktivieren!