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Wenn Weisheit die Bestialität besiegt

Das Unzerstörbare an William Shakespeares Dramen ist, dass der vor 400 Jahren verstorbene Dichter wirkliche Menschen erschaffen hat, die bis heute leben.

Wenn Weisheit die Bestialität besiegt

Peter Simonischek als Prospero, Jens Harzer ist Caliban, Saskia von Winterfeld als Francesca, und Sara Tamburini spielt Prosperos Tochter Miranda (v.l.). Bild: APA/BARBARA GINDL

Im Gegensatz zu Goethes Faust und dessen Gretchen, die eher Ideen gleichen, als sie lebendig sind. Deborah Warner hat mit ihrer Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" nicht nur deshalb viel richtig gemacht, weil sie aus dem üppigen Personal unverwechselbare Gestalten geschmiedet hat. Sie befördert damit die Plausibilität der psychologischen Verwandlung. Am Dienstag fand auf der Halleiner Perner-Insel die euphorisch beklatschte Salzburger Festspiel-Premiere statt.

Der verwitterte Prospero

Die Bühne ist herrlich unaufgeräumt, Treibholz liegt drapiert herum, Holz- und Kupferplatten lehnen an den Wänden, das riesige Geviert der Perner-Insel ist endlich einmal bis in den letzten Winkel bespielt. 128 Scheinwerfer strahlen von links und rechts, von der Decke sind es noch viel mehr. Auf der Rückwand der schwarzen Schachtelbühne laufen auf einem riesigen Bildschirm Sequenzen mit Schiffbrüchigen und tanzenden Kobolden. Video-Wellen branden auf, furchterregende Blitze krachen. Dann sitzt er da, der vertriebene, zusammen mit seinem Töchterchen Miranda auf einer Insel gestrandete Prospero – im Körper von Peter Simonischek. Magier und rechtmäßiger Herzog von Mailand in einem. Vollbart und die vom Wind frisierten Haare begünstigen den Eindruck einer verwitterten Gestalt. Auf der Insel herrscht er über Ariel, den von ihm befreiten Luftgeist, und Caliban, den Erdstrolch. Er ist Gebieter über Phantome, Choreograf der Winde, Philosoph und ein Flüchtling vor Hass und Missgunst.

Völlig nackt klettert der von Prospero gedemütigte Inselherrscher Caliban (der phänomenal diabolische Jens Harzer) aus seinem Loch. Das Konzept mit Dickie Beau geht daneben. Der für seine Lippensynchronisation berühmte Brite bewegt seinen Mund zum englischen Text vom Band. Die miserable Akustik der Halle zwingt den Besucher zum Textlesen auf dem Bildschirm und zerrt ihn aus der dramatischen Dichte heraus. Branko Smarowski gibt König Alonso von Neapel einen depressiven Ton, Charles Brauer hat als Gonzalo also alle Karten in der Hand, die Führung der alten Feinde zu übernehmen, die Prospero mit Hilfe von Ariel in Seenot geraten und ebenfalls stranden ließ.

Hervorragend intrigant übertreiben Antonio (Prosperos Bruder: Daniel Friedrich) und Sebastian (Alonsos Bruder: Max Urlacher) den geplanten Königsmord zur pfiffigen Farce. Maximilian Pulst verkaspert die Rolle des Ferdinand, der um die Hand Mirandas wirbt. Sara Tamburini zeigt die junge Frau zwischen Kindlichkeit und aufgesetzter Verführung. Saskia von Winterfeld, die in "Maria Stuart" und in "Gott des Gemetzels" in Linz zu sehen war, ist als Hofdame Francesca die physische Bekümmerung. Trinculo (Matthias Bundschuh) und der derbe Stephano (Matthias Redlhammer) ringen mit ihnen zugedachter Aufheiterung.

Prosperos Monolog, dass die Menschen verschwinden wie Träume, verdunsten wie Wolken, trägt Simonischek nicht als Wutanfall vor, sondern als Erkenntnis. Dieser Prospero ist kein Fürchtegott, er ist ein kluger Diplomat, trotz verheerender Vergangenheit. Die Weisheit ringt die Bestialität nieder – und das Theater die Realität.

Salzburger Festspiele, Schauspiel: "Der Sturm" von William Shakespeare, Regie: Deborah Warner, Perner-Insel Hallein, Premiere: 2. August, Termine: 4., 5., 7., 9., 10., 12., 13., 15., 16., 18., 19., 21. August.

OÖN Bewertung:

 

William Shakespeare: "Der Sturm"

„Der Sturm“ entstand 1610/11 und wurde am 1. 11. 1611 uraufgeführt. Es ist Shakespeares letztes Stück. Die Geschichte spielt auf einer Insel, auf der Prospero, Herzog von Mailand, im Exil lebt und Pläne schmiedet, seiner Tochter Miranda ihren rechtmäßigen Platz zurückzugewinnen. Mithilfe seiner Magie beschwört er einen Sturm herauf, um seinen Bruder Antonio und König Alonso, der mit ihm unter einer Decke steckt, auf der Insel festzuhalten. Es gelingt ihm, Antonios teuflisches Wesen zu entlarven und Miranda mit Alonsos Sohn Ferdinand zu vermählen.

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Artikel Peter Grubmüller 04. August 2016 - 00:04 Uhr
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