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Welch ein Rausch tödlicher Liebe

Matthias Goerne bricht alle Konventionen üblichen Schöngesangs.

Welch ein Rausch tödlicher Liebe

Rico Gulda begeisterte am Klavier Bild: Alex

Am Freitag war im Stift Kremsmünster Schuberts "Schöne Müllerin" mit Matthias Goerne und Rico Gulda im Rahmen der Stiftskonzerte zu erleben. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes zu "erleben". Denn Matthias Goerne warf alle Gepflogenheiten der Schubert-Interpretation über Bord und stürzte sich voll und ganz in die Tiefe des Textes und seiner unmissverständlich depressiven, ja tödlichen Aussage.

Syphilis brach aus

Das ist keine Romantik der unbeschwerten Lebensfreude, sondern "jenes fatale Erkennen der Wirklichkeit", die Schubert mehr als nur real an seinem eigenen Körper spürte. Im Jahr der Komposition brach seine Syphilis-Erkrankung erstmals in voller Wucht aus, sodass Schubert sich sogar einer Behandlung im Krankenhaus unterziehen musste, und entstellte den erst 25-jährigen Komponisten vollkommen. Aber es sind nicht nur die biographischen Bezüge, die diesen ersten Liederzyklus kennzeichnen, sondern die Stimmung einer ganzen Zeit, die von Armut, Krankheit, Landflucht und Verslumung in den Städten geprägt war. Schubert schaffte sich in seinem und der Welt Elend einen Fluchtpunkt – seine "Phantasie, mit der er sich die miserable Wirklichkeit zu verschönern suchte".

Matthias Goerne nimmt nun diesen Text sehr genau, bricht damit alle Konventionen üblichen Schöngesangs und verstört damit nicht nur, sondern begeistert in seiner kompromisslosen Art und Weise, diese Lieder wie ein Miniaturdrama ablaufen zu lassen.

Schon in den ersten Takten des scheinbar harmlosen Wanderliedes eckt die Musik an, stolpert beinahe über jeden Stein – kein Wandern als bürgerliche Idylle, sondern ruheloses Getriebensein, das das lyrische Ich vollkommen aus dem Tritt und ihm schließlich den selbstgewählten Tod bringt. Da stößt schon mal die Lautstärke an die Grenzen des Vorstellbaren, da wankt der Rhythmus.

Faszinierende Neudeutung

Kongenial Rico Gulda, der dieses Konzept wunderbar mittrug und aus dem Klavier jene tosende Unruhe zauberte, die Goerne in seiner beredten Diktion fulminant unterstützte. Zu Recht stürmischer Applaus für eine faszinierende Neudeutung eines scheinbar so selbstverständlichen Klassikers.

Stift Kremsmünster: Liederabend mit Matthias Goerne und Rico Gulda im Rahmen der Stiftskonzerte, 16.6.

OÖN Bewertung:

 

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Artikel 19. Juni 2017 - 00:04 Uhr
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