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Von der heldenhaften Aufgabe, Shakespeare zu übersetzen

Regisseur und Übersetzer Henry Mason knöpft sich beispielhaft die erste Verszeile des "Kaufmanns von Venedig" vor.

Von der heldenhaften Aufgabe, Shakespeare zu übersetzen

Henry Mason Bild: Salzburger Festspiele

Wie übersetzt man Shakespeare? Die einfache Antwort lautet: am besten gar nicht. Shakespeares Sprache ist Musik, und daher im Grunde unübersetzbar. Bei seinen Dichtungen sind Klang, Rhythmus und Sinn so sehr ineinander verwoben, dass der Versuch, sie in eine andere Sprache zu übertragen, vergeblich ist. Ein Übersetzer, der auch nur halb so klingende, berührende, sinnliche Verse schaffen kann wie die Originale, darf sich glücklich schätzen.

Warum also Shakespeare übersetzen? Weil nicht jeder Englisch kann, schon gar nicht das Englisch, in dem Shakespeare zwischen 1589 und 1614 geschrieben hat. Besser ein halber Shakespeare als gar keiner.

Was muss man nun alles bedenken, wenn man das Wagnis des Übersetzens angehen will? Zuerst die Form. Shakespeare schreibt hauptsächlich in blanken, also ungereimten Versen (aber auch in gereimten Versen und in Prosa). Eine Blankverszeile besteht aus zehn oder elf Silben. Hier sind es elf: "To be or not to be, that is the question". In der berühmten deutschen Version dieses Verses ebenso: "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage." Dabei sind die Silben abwechselnd unbetont und betont ("To BE or NOT to BE ...").

Man kann sich diesen Grundpuls wie den Herzschlag des Textes vorstellen; er ist für Shakespeares Dramen das, was der Dreivierteltakt für den Walzer ist. Knöpfen wir uns die erste Verszeile des "Kaufmanns von Venedig" vor: "In sooth, I know not why I am so sad." Sprachlich ein Vers von großer Einfachheit, voll unaufdringlichem Pathos. Übersetzen wir die Zeile zur Orientierung zunächst nur wörtlich, ohne auf die Rhythmik zu achten. Hier stoßen wir auf unser erstes Problem. "Sooth" ist ein inzwischen ungebräuchlicher Ausdruck für "truth", also "Wahrheit". Übersetzen wir "in sooth" also mit "fürwahr", wie der große ShakespeareÜbersetzer August Wilhelm Schlegel anno 1799? Zu altmodisch. Oder zum Beispiel mit "ganz ehrlich"? Zu salopp. "Im Ernst" vielleicht?

"Im Ernst, ich weiß nicht, warum ich so traurig bin." So. Das sind nun aber zwölf Silben, und die Betonungen liegen falsch. (Abwechselnd unbetonte und betonte Silben, Sie erinnern sich.) Wie hat Schlegel diesen Vers gelöst? "Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht." Ein schöner, musikalischer Vers. Sprechen Sie ihn laut; merken Sie, wie das dreimal wiederholte "W" ("fürwahr" – "weiß" – "was") ein Pendant bildet zum dreifachen S im englischen "sooth" und "so sad"?

Sie bemerken vielleicht noch etwas: Der Originalvers besteht nur aus einsilbigen Wörtern. Die englische Sprache verfügt über weit mehr einsilbige Vokabel als die deutsche. Der Deutsche braucht also mehr Silben als der Engländer, um das Gleiche zu vermitteln. Wenn in einer Blankverszeile aber nur zehn oder elf Silben Platz haben, bedeutet das, dass bei der Übertragung ins Deutsche inhaltliche Nuancen auf der Strecke bleiben werden. Bei Schlegels Übersetzung beispielsweise der Grad der Traurigkeit: Aus dem zweisilbigen "so sad" wird das ebenfalls zweisilbige, aber weniger ausdrucksstarke "traurig".

Vergleichen wir dazu eine moderne Übersetzung von Maik Hamburger: "Warum ich melancholisch bin? Ich weiß nicht". "Melancholisch" wird dem klagenden "so sad" vielleicht eher gerecht, aber durch die Spaltung des Gedankens in zwei Sätze verlieren wir den sanften Fluss des Originalverses. Wie wäre es zum Beispiel mit "Ich weiß ganz ehrlich nicht, was mich betrübt"? Nicht schlecht, spricht sich ganz gut, aber kein schöner Stabreim wie bei Schlegel, wodurch der Vers weniger musikalisch, weniger sehnsüchtig klingt, sondern mehr wie ein Besuch beim Hausarzt.

Wie bringt man das alles unter einen Hut? Wie bringt man die Musik des Originals auch im Deutschen zu klingen?

Wenn ich Ihnen nun verrate, dass "Der Kaufmann von Venedig" über 2600 Verszeilen lang ist, werden Sie nachvollziehen, dass die Übertragung eines Shakespeare-Stückes ins Deutsche eine heldenhafte Aufgabe ist. Fürwahr! Da weiß der Übersetzer leider nur zu gut, was ihn so traurig macht.

Henry Mason: Der 1974 in London geborene und in Linz aufgewachsene Regisseur hat 2015 für die Salzburger Festspiele Shakespeares "Die Komödie der Irrungen" neu übersetzt und inszeniert.

 

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Artikel 23. April 2016 - 00:04 Uhr
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