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Theater Hausruck: Ein Dauerfeuer der Metaphern

Das Theater Hausruck rief mit „AT!“ einen Kapitalismus-Kirtag aus und sammelte am Samstag in der ehemaligen Polstermöbelfabrik HASAG in Attnang-Puchheim mit einem Performance-Ringelspiel die Verlierer der ökonomischen Realität ein. Die unzähligen Glasperlen des schnellen Konsums taugten zum Ereignis, aber nicht als Kette plausibler Kapitalismuskritik.

Ein Dauerfeuer der Metaphern

Der arbeitslose Hans ist ausgeschieden. Bild: Theater Hausruck

Warten. Nach gut einer halben Stunde bei Regen im Innenhof des Konkurs-Areals geht es auch auf dem Weg nach drinnen drunter und drüber. Menschen mit blutverschmierten Masken und Transparenten ohne Botschaft in der Hand bahnen sich rempelnd und unaufhaltsam ihren Weg durch die hereinströmenden Massen. Dann wieder warten – bis eine drohende Lautsprecher-Stimme „Bringt Sie rein!“ befiehlt. Das Humankapital ist in Bewegung gesetzt und wird fortan durch die Hallen verschoben.

Ein Arbeiter steht am Pult, er redet davon, wie schwer uns die Krise getroffen hat. Weg mit ihm, weil eine Manager-Figur aus der Kategorie der Schmierigen (Franz Froschauer) erklären muss, dass es trotz unüberhörbaren Krachens im Gebälk der Wirtschaft sicher nicht knistert.

So vordergründig bleibt es, weil sich die künstlerischen Leiter Chris Müller und Georg Schmiedleitner nicht für die feine Klinge entschieden haben, sondern für Dauerfeuer. Sechs Personen aus dem Publikum erhalten Trostlose, Gemeinderäte aus Attnang-Puchheim chauffieren die Gewinner in Luxuskarossen zu Verlierern – es geht ins nahe Bordell, ins Altersheim zu einer verarmten Frau und zum Imam der islamischen Gemeinde. Es wird angekündigt, das Publikum über die Ausflüge auf dem Laufenden zu halten, aber die Trostlosen bleiben für der Rest des Abends verschwunden.

Ihr Auszug aus der Halle verkleinert sich damit zum Effekt, wie die abgetakelten Kirtag-Luftschaukeln, wie die Schießbuden und ihre Figuren, wie die beiden echten Kamele, deren „unideale Natur“ als Metapher für so vieles stehen muss, wie die Ponys, die als kleine Tiere angetrieben im Kreis marschieren und wie der hereingeschobene Ferrari, den sich für 24 Stunden ausleihen darf, wer ihn am längsten mit der Hand berührt (drei halten durch, sie dritteln den Gewinn – und das in „Geiz ist geil“-Zeiten, Respekt). Ein Dunkelhäutiger ist „Schwarzarbeiter“, ein menschlicher Zwerg „Kleinunternehmer“, die Porno-Darstellerin Jana Bach auch bloß eine Illustrierung.

Das Publikum ist mit unterschiedlichen Farb-Aufklebern unterteilt, „stigmatisiert“, wie Moderator Müller sagt. Die gelbe Gruppe erlebt ein von Splatter-Movie-Regisseur Jörg Buttgereit inszeniertes Zombie-Hörspiel, der Rest teilt sich in weniger packende Selbsterfahrungsgruppen oder Papierschifferlbau-Kolonnen auf.

Die Minderleister

Das „Spiel 6 aus 45 – 6 Arbeitsplätze für 45 Bewerber“ ist an Peter Turrinis „Minderleister“ angelehnt. Wozu ist der Arbeitslose Hans bereit, wenn es einen Job zu gewinnen gibt? Seinen Ex-Kollegen erschlägt er noch, seinen Bruder auch, aber die eigene Frau? Die umarmt er und scheidet aus.

Zum Finale stehen riesige Regale aufgetürmt da, angefüllt mit der Ware Mensch und voll von Geschichten aus dem arbeitslosen Alltag. Sie sollen von Managern entsorgt werden, aber der Arbeitertrupp setzt sich in Bewegung und marschiert auf den Kapitalismus-Kirtag zu.

Der Lärm, den Müller und Schmiedleitner fabrizieren, geht ins Leere. Weitere Aufführungen sind nicht geplant – und an diesem Abend waren die Gleichgesinnten unter sich.

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Artikel Von Peter Grubmüller 26. Juli 2010 - 00:04 Uhr
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