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Österreichs Identität auf der Spur

Unter der Leitung der Linzerin Monika Sommer-Sieghart entsteht in Wien das "Haus der Geschichte" – ein Museum über die Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Porträt über die Spurensucherin unserer Identität.

Österreichs Identität auf der Spur

Vor der Hofburg, wo das Haus der Geschichte 2018 eröffnet wird Bild: OÖN / Johannes Zinner

Ein Blatt Papier, handbeschrieben in den 1940ern von Paula von Preradovic mit ihrem Textentwurf für die Bundeshymne – heute ein Symbol der Republik. Oder ein Schulheft aus den frühen 70ern, mit einem Aufsatz zum wenige Jahre zuvor eingeführten Nationalfeiertag: Es sind historische Dokumente und einfache Alltagserinnerungen wie diese, die Monika Sommer-Sieghart bei der Suche nach der österreichischen Identität helfen. Diese soll ab 2018 eine Heimat im "Haus der Geschichte" bekommen, das Österreichs Entwicklung ab Mitte des 19. Jahrhunderts gewidmet ist.

Die gebürtige Linzerin mit Wiener Museumserfahrung wurde im Jänner zur Direktorin gekürt. Das der Nationalbibliothek angegliederte Haus hat eine langjährige Vorgeschichte, denn ob Österreich eine eigene museale Auseinandersetzung braucht – auch mit den dunklen Kapiteln der Zeitgeschichte – und in welcher Form, war lange umstritten. Sommer ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie will mehr bieten als einen Blick zurück: "Das Haus der Geschichte soll zur produktiven Beschäftigung mit der Vergangenheit, Gegenwart, aber auch der Zukunft, die wir gestalten können, einladen", erklärt die sportlich wirkende 42-Jährige. Ihr Büro ist noch spartanisch eingerichtet, wir treffen sie im gemütlichen Foyer der Nationalbibliothek: "Ich mag diesen Ort, hier begegnen sich viele wissenshungrige Menschen."

Österreichs Identität auf der Spur

Nationalbibliothek-Chefin Johanna Rachinger, ebenfalls Oberösterreicherin und in dieser Serie bereits porträtiert, stellte Sommer Anfang des Jahres als erste Direktorin des Hauses der Geschichte vor.

 

Neues Museumsverständnis

Sommers Leitsatz ist: "Wer die Geschichte gut kennt, versteht die Gegenwart besser." Darstellen, "was Österreich ausmacht und wie wir lernen und lernten, Österreicher zu sein", das will sie im neuen Haus. "Ein Museum steht heute vor völlig anderen Herausforderungen als im 19. Jahrhundert. Es geht nicht um Herrschaftswissen, sondern ein Museum muss auch lernen vom Wissen, das die Bevölkerung einbringt, und ein Ort der Diskussion und Reflexion sein."

Österreichs Identität auf der Spur

Ein Schulaufsatz aus den 70ern ist Teil der ersten Ausstellung „100 Jahre Republik“.

 

Mit persönlichen Dokumenten und Alltagsobjekten will sie Geschichte erlebbar machen. Vier Mitarbeiter sammeln und sichten mit ihr derzeit Material und planen die Eröffnungsschau zu "100 Jahre Republik". Viel Arbeit für ein kleines Team, das noch auf zehn Personen wachsen soll. Das Auswählen der richtigen Stücke ist auch deshalb eine Herausforderung, weil die Ausstellungsfläche zuletzt deutlich reduziert wurde.

Aber Sommer ist Profi und der Job für sie noch dazu fast wie die Erfüllung eines Lebenstraums: "Schon bei einer Kuratoren-Ausbildung habe ich Ideen für eine mögliche Konzeption eines Hauses der Geschichte verfasst" – das war 1998. Fast zehn Jahre später setzte sie sich gegen zwölf andere Bewerber durch. "Meine Bewerbung war eine logische Entwicklung meines Lebenswegs", sagt sie, ihre Kür "ist eine Riesenfreude".

Österreichs Identität auf der Spur

Sommer hat früh begonnen, Museumsluft zu schnuppern: Sie studierte in Graz Geschichte, "natürlich hat sich bald die Frage gestellt, was mache ich damit, weil ich nicht Lehramt studiert habe." Mehrere Praktika – etwa bei der oberösterreichischen Landesausstellung in St. Florian – weckten ihr Interesse für Museen.

Schicksal der Großeltern

Historische Entwicklungen bewegten Sommer, die bei den Kreuzschwestern maturiert hat, schon zu Schulzeiten: "Meine Großeltern hatten einen Betrieb auf dem Grundstück der Kaserne Ebelsberg, den sie im Krieg verlassen mussten." Im Vergleich zu den Massenmorden der Nazis "ein harmloses Schicksal", weiß Sommer, aber eines, das sie sehr beschäftigt hat. "Meine Großmutter habe ich immer bewundert, was sie mit 13 Kindern alles gemeistert hat, und was die Menschen damals überhaupt alles geleistet haben, das hat mich auch angespornt."

Ihre Eltern förderten die akademische Karriere aller drei Töchter, Sommer entschied sich, fürs Doktorat nach Wien zu wechseln, und blieb – auch der Liebe wegen: 1999 lernte sie ihren Mann, einen Arzt, kennen. Beruflich zog es sie zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Akademie der Wissenschaften, 2003 wechselte Sommer ins Wien Museum, plante mit Direktor Wolfgang Kos die Neupositionierung des Hauses. Ab 2008 war Sommer Kuratorin, übernahm aber auch andere Projekte. So gestaltete sie mit der Linzer Künstlerin Dagmar Höss und der Historikerin Heidemaria Uhl für Linz als Kulturhauptstadt "in situ": eine Ausstellung, bei der an 65 Orten die Topographie des Nazi-Terrors anhand von persönlichen Beispielen dargestellt wurde. "Das ist eines der Projekte, auf die ich besonders stolz bin", sagt Sommer.

Österreichs Identität auf der Spur

Vierfach-Mutter

Neben allem beruflichen Engagement ist sie auch privat gefordert: Vier Kinder haben sie und ihr Mann. Die Älteste ist elf Jahre, die Buben neun, sechs und vier. "Ich war jeweils nur etwa ein halbes Jahr in Karenz", erzählt Sommer. Dank Großeltern "und guter Betreuungssituation in Wien" lässt sich die Großfamilie gut organisieren. "Ich bin sehr dankbar, Unterstützung zu haben. Und man selbst wächst mit der Aufgabe", lacht sie.

Die Familie ist für Sommer ein Anker, und so ist sie mit Mann und Kindern auch regelmäßig in Linz zu Besuch bei ihren Eltern. Oder unterwegs im Mühlviertel, denn Wandern gehört zu den gemeinsamen Hobbys, und manchmal muss es weiter weg gehen als bis zum Wienerwald. "Den Ausgleich brauche ich, oft sind das richtige Großausflüge, wenn wir noch mit anderen Familien unterwegs sind."

Ins Mühlviertel ziehen sie auch die Brauereien, das oberösterreichische Bier fehlt in Wien schon einmal. "Ich fühle mich sowohl als Oberösterreicherin wie auch als Wienerin – und als Zentraleuropäerin", hat Sommer ihre Identität in einem modernen Geschichtsverständnis gefunden.

 

2018: Rechtzeitig zum Jubiläum „100 Jahre Republik“ eröffnet das Haus der Geschichte nächstes Jahr im November. Neben der Schau will Direktorin Sommer mit einer Online-Plattform, Veranstaltungen und eigenen Publikationen das Haus zu einem „Dialogforum“ machen. Sommer hofft auf viele junge Besucher – die Zielgruppe beginnt ab der sechsten Schulstufe.

Fünf Jahre läuft Sommers Vertrag als Direktorin – so wie bei allen Bundesmuseen ist auch ihre Leitungsfunktion befristet, kann aber verlängert werden.

1870 Quadratmeter Ausstellungsfläche steht dem Haus der Geschichte in der Neuen Burg am Wiener Heldenplatz zur Verfügung. Ursprünglich waren 3000 Quadratmeter geplant.

 

Nachgefragt ...

 

Heimat ist für mich... dort, wo die Menschen sind, die ich liebe
Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich... Webereien – ich bin ein Fan von Blaudruck – und Spezialbrauereien
Das gibt es nur in Wien... Friedhöfe, die europäische Kulturgeschichte erzählen
Mein Lieblingsplatz in Wien... die Aussichtsplattform am Nordturm des Stephansdoms

 

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Artikel Jasmin Bürger 10. Juni 2017 - 00:04 Uhr
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