22. Oktober 2016 - 00:04 Uhr · Jasmin Bürger · Kultur

Mr. Viennale

Mr. Viennale

Hans Hurch ist seit 20 Jahren das Gesicht der Viennale, das Gesicht des diesjährigen Plakats ist ein junger Charlie Chaplin. Bild: OÖN / Johannes Zinner

Hans Hurch hat das Filmfestival Viennale als Direktor in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt. Dabei hätte er vielleicht ganz anderes aus seinem Leben machen sollen, meint der "faule Hund" aus Schärding.

Was wäre aus Hans Hurch geworden, wenn er in den 70ern mehr Distanz zwischen sich und seine Schärdinger Heimat gebracht hätte, als die knapp 260 Kilometer nach Wien, wo er studiert hat? "Wenn ich nach Amerika gegangen wäre, ich weiß es nicht, vielleicht wär’ ich frustriert zurückgekommen nach einem halben Jahr, vielleicht wär’ ich rauschgiftsüchtig geworden."

Jedenfalls gehört das zu den Dingen, "die ich bereue im Leben", sagt der 64-Jährige. "Wien war nicht weit genug weg, ich habe hier so viele gekannt, es war wie ein großes Schärding."

Mr. Viennale

Im Viennale-Büro, wo die Programme aller bisherigen Festivals lagern

 

Dabei scheint der Innviertler Bua hier seine Bestimmung gefunden zu haben: Seit 1997 ist er künstlerischer Direktor der Viennale und damit längstdienender Chef des 1960 begründeten Filmfestivals. Das – auch wenn er es nicht gern hört – nicht nur deshalb schon ein wenig "Hurchinale" ist. Immerhin entscheidet er auch allein, welche Filme gespielt werden.

Hurch, der Diktator

"Einer muss ja die Verantwortung haben. Wenn Ihnen ein Film nicht gefällt, können Sie sagen, ja der Hurch ist halt ein Koffer, wenn er gefällt, können Sie mich loben", grinst er. Auch, dass ihn Jane Fonda wegen dieses Zugangs einmal "Diktator" genannt hat, erzählt er mit Augenzwinkern. "Sie hat auch gesagt, ich sei der freundlichste Diktator, der ihr je begegnet ist" – wieder ist da dieses spitzbübische Grinsen, das sich in den Lachfalten um seine Augen fortsetzt.

Mr. Viennale

Hollywood-Schauspielerin Jane Fonda war 2007 zu Gast.

 

Bei allem diktatorischen Führungsstil ist er im Herzen ein Linker, dem die SPÖ, no na, nicht ganz fern steht. "As Kind wollte ich Missionar werden", sagt er. Seine Eröffnungsreden inszeniert er nun als "Predigten", bei denen er vor allem der Politik ins Gewissen redet. Heuer etwa so: "Warum gleicht sich der Stil jener drei Politiker, an denen, wie es heißt, die Zukunft unseres Landes hängt, bis aufs Verwechseln? Kanzler, Außenminister und der wichtigste Oppositionspolitiker pflegen einen Stil, der sich geradezu ununterscheidbar ähnelt."

Dass die FPÖ in seiner Heimat seit jeher stark ist, taugt Hurch gar nicht. Gegangen ist er aber nicht deshalb, sondern aus pragmatischen Gründen: "Was hätte ich dort tun sollen?" Echte Pläne hatte er auch nicht, also nach Wien, wo Freunde und Geschwister waren: "Ich war eben zu sehr Schärdinger, aus dem Behüteten kommend, um den großen Sprung zu wagen."

Er inskribierte Kunstgeschichte und Archäologie, fand aber bald am Schreiben mehr Spaß als am Studieren – und dank Begabung beim "Falter" einen Job als Kulturkritiker. Selbstreflektiert ist sein Blick zurück: "Ich war immer ein fauler Hund, in der Schule habe ich nur getan, was notwendig war, damit es sich ausgeht. Als Einziger von uns Geschwistern hab ich keinen Beruf gelernt." Der eine Bruder wurde Uni-Professor, der andere Arzt, der dritte wie die Schwester Richter.

Eine gewisse Affinität zur Kultur hatte Hurch stets, wenngleich die prägendste Erinnerung an Kino in Schärding weniger dem Film – "Dr. Schiwago" – gilt als "der Tatsache, dass wir mit den Eltern ins Kino gehen, das war ein richtiges Ereignis". Auch, weil daheim nie ein Fernseher ins Haus kam. "Sehr zu meinem Missfallen, aber meine Eltern wollten nicht, dass wir wegen dem Programm streiten, und heute glaube ich, dass es richtig war."

Hurch, der Prä-Hipster

Wenn schon nicht in die weite Welt, so führte Hurchs Weg von Wien zumindest nach Berlin, wo er bei Filmemacher Jean-Marie Straub Regieassistent war. Die Erfüllung fand Hurch, der den Vollbart zu seinem Markenzeichen machte, als der noch lange nicht als Inbegriff des neuen Hipsters galt, dort nicht. Er kam zurück, 1994 übernahm er das Projekt "Hundert Jahre Kino", die Viennale-Leitung fügte sich bald. 2018 wird seine letzte sein.

Mr. Viennale

Premiere als Viennale-Chef 1997, mit Kanzler Klima

 

Unumstritten war er als Festival-Chef nie. Mit heimischen Filmschaffenden liegt er oft im Clinch – teils medienwirksam inszeniert. Von einer "Hassliebe" zum österreichischen Film will Hurch, der seit 25 Jahren mit Filmemacherin Astrid Ofner – gebürtig in St. Martin bei Traun – liiert ist, nicht sprechen: "Das wäre ein zu großes Gefühl, es ist irgendwas zwischen Hassliebe und wurscht." Einige österreichische Filme sind wieder im Programm. Für Hurch ist "nach der Viennale vor der Viennale". Im Dezember kommt die Budgetplanung, im Jänner starten die Filmfestivals: Cannes, Venedig, Buenos Aires, er ist viel unterwegs. Klingt mondän, er wiegelt ab: "Immer die gleichen Leute, immer die gleichen Hotels. Wenn ich aufhöre, will ich nur noch Reisen machen, die ich will."

Damit ein Film Gefallen findet, "muss er mich berühren oder mir eine neue Information liefern", sagt er. Und: "Ich hasse künstlerisch wertvolle Filme, schon als Bua war mir da immer fad". Sonst war die Kindheit aber gar nicht fad: "Ich hab viele positive Erinnerungen", zum Beispiel "wie wir über den Inn ans deutsche Ufer geschwommen sind und die Zöllner von der Brücke geschrien haben: ,Das ist ein Grenzübertritt, ihr G’fraster’!"

Das Elternhaus direkt am Inn haben die Hurch-Geschwister nach dem Tod der Eltern behalten. Wenn Hurch am Schärdinger Bahnhof ankommt – mangels Führerscheins ist er Zugfahrer –, "spüre ich eine besondere Verbindung". "Nach k.u.k. Bahnhof, dem schiachen 60er-Jahre-Bau und dem aktuellen Bahnhof frag’ ich mich manchmal, ob ich noch einen vierten erlebe", sagt er.

Mr. Viennale

Seine Eröffnungsreden im Gartenbaukino inszeniert Hurch gerne als Predigten.

 

Das Älterwerden macht ihm wenig Sorge, jung hält auch der Job: "In den zwei Wochen vor der Eröffnung, da sitze ich mit dem Team oft bis drei in der Früh, dann gehen die Jungen schon einmal heim, und der Alte hockt immer noch da", erzählt er lachend – wobei: "Der Schlaf fehlt mir schon mehr als früher."

Diese Stimmung in den Tagen vor dem Start, "da spürt man, was die Viennale ist, darauf bin ich stolz", sagt Hurch und klingt fast wie ein Vater. Kinder hat er nicht, auch Onkelpflichten gibt es keine. Noch so etwas, was er bereut: "Die Hurchs aus Schärding sterben aus."

 

Nachgefragt ...

Heimat ist für mich ... wo noch keiner war. Das ist ein Zitat von Ernst Bloch, das für mich ausdrückt, dass Heimat nicht etwas ist, wo man einfach hingeht, sondern etwas viel Größeres.

Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich ... das G’scherte

Mein Lieblingsplatz in Wien… der Schanigarten vom Café Engländer

Der größte Unterschied zwischen Wienern und Oberösterreichern ... Wiener bilden sich auf ihre Herkunft mehr ein.

 

 

200 Filme umfasst das Programm der 54. Viennale, die zwischen 20. Oktober und 2. November stattfindet. Ziel ist wie immer, einen Querschnitt der bei anderen Festivals erfolgreichen Filme zu zeigen und damit einen Überblick über das cineastische Jahr vom Spielfilm bis zur Doku zu geben. Von den rund 2,7 Millionen Euro Budget kommt die Hälfte von der Stadt Wien.

850 Filme pro Jahr schaut sich Hurch als künstlerischer Direktor an, um seine Auswahl zu treffen. Freilich nicht alle in voller Länge: „Ich gebe jedem Film zwanzig Minuten, nach dieser Zeit spürt man, ob einen der Film berührt.“

94.100 Besucher waren 2015 bei der Viennale, das entspricht einer Auslastung von 76,4 Prozent. Erstmals seit Langem waren die Besucherzahlen damit gesunken, 2014 wurden 98.200 Zuseher gezählt. Bei Hans Hurchs erster Viennale 1997 waren es 58.200.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Mr-Viennale;art16,2378091
© OÖNachrichten / Wimmer Medien · Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung
Bitte Javascript aktivieren!