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"Linzer Student heiratet Exotin"

Literatur: Stefan Kutzenberger verwebt in seinem Romandebüt "Friedinger" seine eigene Geschichte mit jener von geheimen Waffenlieferungen der Voest und Mordkomplotten

"Linzer Student heiratet Exotin"

Realität im Roman: Anfang der 80er-Jahre belieferte die Voest-Tochter Noricum den Irak mit Artilleriegeschützen. Bild: (Privat)

1971 in Linz geboren, hier maturierte Stefan Kutzenberger, an der Universität Wien, wo er seit 2005 lehrt, studierte er vergleichende Literaturwissenschaften. Mit seinem Roman-Erstling "Friedinger", der am 19. Februar bei Deuticke erscheint, wagt er sich erstmals als Schriftsteller in die literarische Landschaft. Im Gespräch mit den OÖN lüftet Kutzenberger die Vorgeschichte zu diesem Projekt und autobiografische Vermischungen mit seinem Helden.

 

OÖNachrichten: Wie wuchs in Ihnen die Idee für diesen Roman?

Stefan Kutzenberger: Es muss 2007 gewesen sein, jedenfalls hatte ich gerade erfahren, dass Linz 2009 Kulturhauptstadt wird. Ich erinnerte mich, dass Wolf Haas 2003 für die Kulturhauptstadt Graz einen Brenner-Roman geschrieben hatte. Ich schlug der Linzer Intendanz einen Linz-Krimi vor, in dem der Brenner eine Rolle spielt. Ich hab’ Wolf Haas geschrieben, in der Antwort war mit dickem Filzstift markiert, dass ihm die Idee gar nicht taugt.

Trotzdem blieb das Projekt?

Eine Kriminalgeschichte, die in der Voest spielt, hatte sich festgesetzt. Ich hab’ einfach dahingeschrieben. Ein Freund gab mir in dieser Zeit sein Manuskript, und ich habe ihm geraten, dass reine Fiktion in seinem Fall nicht tragfähig sei, er müsse den Roman in der Realität verankern. Während ich das sagte, merkte ich, das gilt für meinen Roman, nicht für seinen. Ich bin nach Hause und hab’ eine Figur dazugeschrieben, die Stefan Kutzenberger heißt und sich in ganz ähnlichen Lebensumständen befindet wie ich: gleiches Geburtsdatum, gleicher Name, ähnlicher Beruf. Es wurde ein Spiel aus Fiktion und Realität, das war ganz leicht zu schreiben.

Und was erlebt dieser Stefan Kutzenberger?

Es gibt dieses Doderer-Zitat: Jeder Roman, den man nicht nacherzählen kann, sei wohl Literatur. Aber ich versuch’s. Kutzenberger bekommt von seiner Frau zum 45. Geburtstag einen Schreiburlaub auf Kreta geschenkt. Er hatte immer gejammert, dass er sich wie ein Schriftsteller fühle, aber er schreibe nichts. Er fliegt für zwei Wochen hin und überlegt, welches von drei Roman-Projekten er verwirklichen soll. In dieser Phase lernt er einen anderen Urlauber in seiner Pension kennen, es ist Friedinger, wie er ein Linzer. Dieser erzählt ihm eine Geschichte, die viel interessanter ist als all seine Roman-Ideen. Es geht um illegale Waffenlieferungen, die sich bis in höchste politische Ebenen ziehen. Kutzenberger schreibt an dieser Erzählung. Blöderweise hatte er auf Kreta ein Verhältnis mit einer Französin. Seine Frau kommt dahinter, und weil sie sich von ihm trennt, verliert Kutzenberger alles. Es war wichtig, das Kutzenberger ganz am Boden ist.

Und dann fährt der Held nach Linz?

Richtig, hier lässt er sich von Friedinger den Rest der Geschichte mit Komplotten und Giftmorden erzählen. Kutzenberger kehrt in seine Heimatstadt zurück, es werden die Fragen aufgearbeitet, die sich von der Midlife-Crisis geplagte weiße Männer stellen.

Wo haben Ihre und die Biografie des halb fiktionalen Kutzenberger Schnittmengen?

Meine Mutter wurde als Chinesin in Indonesien geboren, meine Oma ist Berliner Jüdin und 1933 nach Amsterdam geflüchtet, wo sie meinen Opa kennengelernt hat. Er hat dort als indonesischer Chinese Medizin studiert, weil Indonesien holländische Kolonie war. 1936 flüchteten sie erneut, diesmal nach Indonesien. Meine Oma hat ihre Eltern nachgeholt, sie sollten sich bei der deutschen Botschaft melden. Von dort wurden sie sofort in ein japanisches KZ gebracht.

Hat Ihre Oma überlebt?

Ja – später kämpfte sie für die indonesische Unabhängigkeit. 1965 sollte meine Mutter in Europa studieren. Als sie in Wien war, fand in Indonesien ein Pogrom gegen die Chinesen statt, sie konnte nicht mehr zurück. Nach Linz zog sie, weil ihr Wien zu groß war. Hier lernte sie meinen Papa kennen, am 4. Juli 1970 haben die beiden geheiratet, das stand damals sogar in den Oberösterreichischen Nachrichten: "Linzer Student heiratet Exotin". Eine fernöstliche Schönheit, das war damals etwas Besonderes.

Aber Kutzenberger bedauert ja seinen eigenen Heimatverlust…

…genau, weil meine Eltern irgendwann nach Wien gezogen sind und das Haus in Linz verkauft haben. Jenes Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Das hat mich auch in der Realität auf dem falschen Fuß erwischt. Mit einem Mal hatte ich in Linz kein Zuhause mehr. Im Vergleich, was heimatlose Menschen wirklich durchmachen – auch in Bezug auf die zweimalige Flucht meiner Oma –, ist das natürlich lächerlich, aber es hat mich beschäftigt.

Wie kam Ihr Text zur Hanser-Verlagstochter Deuticke?

Ich hab’ gewusst, wenn ich das Manuskript an den Verlag schicke, liest es im besten Fall ein Praktikant. Ich schrieb also an die Deuticke-Chefin, weil ich irgendwo ein Interview mit ihr gelesen hatte, und ich erzählte von meinem Buch. Sie hat eine Zeile geantwortet: "Schicken Sie es mir persönlich." Nach zwei Wochen kam wieder eine Zeile: "Nehmen wir." Wie im Märchen.

 

Stefan Kutzenberger: "Friedinger", Roman, Verlag Deuticke, 254 Seiten, 22,70 Euro.

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Artikel Peter Grubmüller 13. Februar 2018 - 00:04 Uhr
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