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Lang lebe die Kurzlebigkeit!

25 Jahre nach ihrem ersten Konzert gehen Attwenger mit dem neuen Album "Spot" auf Tour. Statt Silberner Künstler-Hochzeit feiern die Dialektvertoner die kurze, präzise Form.

Lang lebe die Kurzlebigkeit!

Das Meer rauscht, die Instrumente schweigen: »Attwenger on the beach«, gemalt vom Mühlviertler Künstler Thomas Paster, liegt dem neuen Album als Booklet-Poster bei. Bild:

Mit Buchstaben haben Markus Binder und Hans-Peter Falkner stets gegeizt, wenn ein Album zu benennen war: most, pflug, luft, song, sun, dog, flux. Das achte Studiowerk heißt "spot". Weil es Musik auf den Punkt bringt. "Es ist scharf, präzise, lässig, interessant", diagnostiziert Schlagzeuger, Elektroniker und Wortspieler Binder im Gespräch mit den OÖNachrichten.

Während das Linzer Duo 1997 auf "song" das auf Radioformat zugeschnittene Lied dekonstruierte und "als Echo auf die Technozeit" Nummern wie "Wama liaba" in die Länge einer Viertelstunde zog, hält es sich auf "spot" nicht lange auf. Zwölf Songs schaffen bei weitem keine drei Minuten, elf pendeln zwischen 24 und 80 Sekunden. "Lang lebe die Kurzlebigkeit!", formuliert es Binder spöttisch. "Eine Studie besagt, dass die durchschnittliche Verweildauer eines mp3-Hörers bei 14 Sekunden liegt. Durch das Überangebot – Spotify macht zehn Millionen Songs sofort verfügbar – sind wir vielleicht mit verkürzter Wahrnehmung infiziert."

Lang lebe die Kurzlebigkeit!

Ein Zustand, den der Quetschenzieher und -presser Falkner bedauert: "Keiner hat mehr Zeit, alles wird nur noch gestreift." Was ein Album aussagt, verflüchtige sich, wenn davon nur zwei bis drei Nummern gehört werden.

23 Nummern in 40 Minuten

Für das taufrische Attwenger-Oeuvre genügten 40 Minuten Aufmerksamkeit, um in einen bunten Klangstrudel einzutauchen. Ein Wienerlied macht sich eine Gaudi mit Japanern. "Oida" schleust einen melodiösen Ohrwurm ein, der nicht abzuschütteln ist. Das vom legendären Bandleader Glenn Miller eingespielte swingende "Little Brown Jug" taucht überraschend als "I bin froh" auf – "Das ist ein Sport von mir, zu Musiken etwas zu summen, bis sich daraus ein Text ergibt", sagt Binder, den die lyrische Eingebung traf, als er auf der Praterallee zum Schwimmbad radelte.

Lang lebe die Kurzlebigkeit!

"Spot" leuchtet den rhythmischen Kosmos aus, den Attwenger in einem Vierteljahrhundert entwickelt haben. Es pflegt die Gstanzl-Tradition ebenso wie die Sprachjonglage, den Polkapunk, den Volxrock, den Dialekt-HipHop, das Landler-Jingle. Mit "Ferl und Fritz" gelang eine deftige homoerotische Ode (Binder: "In einem Land, das von einem Transvestiten repräsentiert wird – siehe Songcontest-Gewinnerin –, finde ich so etwas überhaupt nicht auffällig"). Und als Fixstern am Firmament strahlt der Groove.

"Mundart gehört in die Festzelte", empfahl unlängst der in Favoriten aufgewachsene, im Iran geborene Rapper Nazar als Juror der rotweißroten Kandidatensuche für den Songcontest in Wien. "Das ist ein Klischee", sagt Markus Binder. "Wir betrachten den Dialekt als vorgefundene Alltagssprache, die in Kunst verwandelt wird. Das kannst du weltweit und immer machen. Wir bearbeiten das Regionale so, dass es eine internationale Qualität bekommt."

Hörprobe: "Oida" aus dem Album Spot

Mit ihrer musikalischen Eigenart sind Attwenger, die sich 1995 eine kurze Auszeit nahmen, global angekommen. Sibirien, Mexiko, Vietnam, Indonesien, die USA, "das waren unglaubliche Konzertreisen", bilanziert Hans-Peter Falkner "das erste Schaffensdrittel". Wiewohl die beiden ungern zurückblicken, "denn wir lassen uns mehr von der Zukunft beeinflussen als von der Vergangenheit", sagt Binder.

Folglich rührt die beiden nicht, dass ihnen Branchenmanager eine ertragreiche Karriere bescheinigten, wenn Attwenger nur gewollt hätten. Aber sie wollten nicht. So heißt es auch in einem neuen Song: "I hob ned vü, i hob ned vü, vü haum, des is nix für mi."

"Wir sind eh reich und berühmt", sagt Falkner. "Wir können machen, was wir wollen. Das ist Freiheit. Und Freiheit ist Reichtum." Binder: "Wir haben den Luxus, unberechenbar zu sein. Hinter unseren Alben steckt nur das Bedürfnis, sich zu äußern." Lang lebe Attwenger!

 

Lang lebe die Kurzlebigkeit!

Das Album

Attwenger: „Spot“, Trikont, 23 Songs, 40 Minuten. CD 18 Euro, LP 24 Euro (inkl. Porto) bei attwenger@attwenger.at

Die Tour

OÖ-Termine: Steyr (Röda, 10. April), Linz (Posthof, 11. April), Wels (Schlachthof, 17. April), Ebensee (Kino, 18. April), Traun (Spinnerei, 24. Oktober)

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Artikel Bernhard Lichtenberger 14. März 2015 - 00:04 Uhr
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