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"Ich habe echt keine Angst"

Harri Stojka, Vollblut-Gitarrist und König des Gipsy-Jazz, feiert seinen 60er mit einer Tour. Der Wiener sprach mit den OÖNachrichten über seine Anfänge mit der Plastik-Ukulele, Gemeinsames von Roma- und Volksmusik und die Sicherheit der Demokratie.

"Ich habe echt keine Angst"

Bild:

Am 24. Oktober gastiert Harri Stojka in Kremsmünster (mehr oben re.). Sein letzter Oberösterreich-Auftritt wird es bestimmt nicht sein. Denn die Rocker-Pension wird’s bei ihm "sicher nie" geben.

 Hat der 60. Geburtstag bei Ihnen bestimmte Fragen ausgelöst? Etwa: "Jetzt muss ich aber noch ‚anzahn’, wenn ich alles, was an Musik in mir drinnen ist, noch auf die Welt bringen möchte?"

Harri Stojka: Wenn man davon ausgeht, dass man 80 Jahre alt werden kann, was ich definitiv möchte, dann bleiben mir noch 20 Jahre. Da wird man schon ein bisserl nachdenklich. Weil wenn ich zurückdenke, vergehen 20 Jahre einfach wie im Flug. Aber ich werde meine letzte Energie aus mir herauspressen, und Gott sei Dank sprießen noch täglich neue Ideen. Und so lange ich Energie habe, werde ich spielen.

Und wie und wobei kommen Ihnen Ideen?

Ich sitze einfach still für mich da und denke nach. In aller Bescheidenheit darf ich sagen, dass mein musikalisches Spektrum ja sehr weit ist – Rock, Pop bis zum Avantgarde-Jazz. Da gibt es noch so viel zu entdecken! Und die Straße hört ja nie auf. Mein Leben wird nicht dazu ausreichen, alles zu erkunden, was ich in meinem Kopf habe.

Gab es für jeden Bereich Inspirationsquellen, Vorbilder –
oder waren es allgemeine "Musikgötter" wie die Beatles?

George Harrison! Er war der erste Solo-Gitarrist, den ich wahrgenommen habe. Ich habe ja die Beatlemania miterleben dürfen. Meine Schwester hat ihn mir gezeigt: Da, schau, der fesche Bursch ist der George Harrison, der Solo-Gitarrist von den Beatles. In dem Moment spielte der drei Töne, und ich hab’ gedacht: Genau des wü i a! Er war mein wichtigstes Vorbild.

Meistens hört man John Lennon oder Paul McCartney.

Das magische Wort bei Harrison war das Wort "Solo-Gitarrist" – das hat mich mein Leben lang begleitet. Und wenn George drei Töne gespielt hat, sind die Frauen am Boden gelegen! (lacht) Nein, Spaß beiseite. Für mich war es am wichtigsten, mich auf der Gitarre zu vervollkommnen, nie zufrieden zu sein.

Es heißt, Ihr Vater hat Ihnen als Bub schon ganz früh eine Gitarre in die Hand gedrückt?

Ja, in meinem sechsten Lebensjahr. Aus Erzählungen weiß ich, dass es eine kleine Plastik-Ukulele war – eine viersaitige vom Jahrmarkt. Aber bei mir war es nicht so, dass ich mich zwei Stunden lang damit gespielt hätte, um sie dann in die Ecke zu werfen. Ich habe die Ukulele mit ins Bett genommen und damit herumgeklimpert. Mein Vater hat dann mein Interesse und mein Talent bemerkt. Deshalb habe ich dann schrittweise größere Gitarren bekommen.

Und viel darauf geübt?

Dazu will ich eines sagen: Ich habe nie Tonleitern rauf und runter gespielt, meine Umgebung mit stupiden Etüden-Übungen in den Wahnsinn getrieben. Was ich geübt habe, musste nach Musik klingen.

"Strikte" Gitarrenstunden gab es somit also keine?

Ein Jahr habe ich Unterricht bekommen – von meinem Cousin.

Karl Ratzer (legendärer Wiener Jazzgitarrist, Anm.)?

Natürlich! Ich habe 1971 in seiner Band "Gipsy Love" gespielt. Damals aber Bass, ein anderer Cousin, Jano, Gitarre. Und wenn man in so einer Profi-Band spielt, bekommt man Anweisungen vom Boss und lernt irrsinnig viel dabei. Auch dabei war noch der Peter Wolf (der mehrfach Grammy-nominierte Komponist/Produzent hat mehr als 230 Millionen Tonträger verkauft). Von dem habe ich auch viel gelernt. Durch ihn habe ich die Welt der Noten kennen gelernt, aber nicht die der Banknoten (lacht). Reich bin ich bis heute nicht, aber ich habe genug, um gut zu leben. Das reicht.

Sie haben sich stark in Ihre Wurzeln wie in die der Roma-Musik vertieft. Kann jemand, der nicht Ihre Herkunft teilt, dieser Musik ihre typische Note verleihen? Kann man’s lernen, oder muss man’s doch im Blut haben, wie die Oberösterreicher das Gstanzlsingen?

Natürlich ist es eine Mentalitätsfrage. Aber der Polka-Rhythmus ist bei uns in der Roma-Musik auch ein sehr wichtiger Rhythmus. Man müsste über ihn – abgesehen einmal von der Sprache – nur andere Harmonien und Melodien darüber legen, und Sie hätten Roma-Musik. Natürlich gibt es Balladen bei uns. Aber die tanzbare Musik ist immer ein Zwei-Viertel-Takt. Und so ist sie stark mit der ebenso Polka-lastigen Volksmusik verbunden. Die Roma-Musik, ihre Komplexität, kann man aber sehr gut vermitteln. Meine Schwester und ich geben Workshops. Und es gibt sehr viele aufgeschlossene Schüler und Studenten.

Ihre Familie setzt sich seit Jahrzehnten gegen Nationalismus ein. Jetzt haben wir "Anti-Mexikaner" Donald Trump und auch in Europa ein Erstarken rechter Tendenzen...

Nationalistische Bestrebungen gab es schon in den 1960ern und 70ern. Es ist nicht ärger geworden, aber auch nicht schwächer. Für mich ist das eine Konstante, die seit Jahrzehnten besteht. Es wird viel Panik gemacht, viele Teufel werden an die Wand gemalt. Aber es passiert nichts – Gott sei Dank! Natürlich werden Vertreter eher gehört, die sich trauen, extremere Sachen lauter zu sagen. Und es gibt Menschen, die auf sie reinfallen. Aber: Wir leben noch immer in einer funktionierenden Demokratie. Und ich habe da echt gar keine Angst.

Termin in OÖ Am 24. Oktober tritt Harri Stojka im Theater am Tötenhengst auf, 20 Uhr. Dabei lässt er die musikalischen Meilensteine seiner Karriere Revue passieren und präsentiert sein Projekt „Other Doors“, eine Zusammenführung seines bisherigen Schaffens. Karten: Trafik Lesjak (Rathaus Kremsmünster) oder www.kremsmuenster.at/webshop

HINTERGRUND

Leben: Harri Stojka kam am 22. 7. 1957 in Wien zur Welt. Seine Laufbahn begann 1970 mit dem Duo „Jano & Harri Stojka“. Bassist der Band seines Cousins Karl Ratzer („Gipsy-Love“), Gitarrist für Peter Wolf, ab 1974 Solo-Karriere, Durchbruch beim Jazzfest Montreux

Vielfalt: Anfangs beschäftigte sich Stojka mit Rock, später mit Bebop/Jazz. Dann entdeckte er seine musikalischen Wurzeln, die Roma-Musik, die ihn bis nach Indien führte. Bekannt ist er für „seinen“ Gipsy-Swing/Jazz. Kollaborationen u. a. mit Autoren (Michael Köhlmeier, Doron Rabinovici) und Regisseuren (Karl Markovics).

Familie: Stojka entstammt einer Lovara-Rom-Dynastie, die vor 160 Jahren aus der Walachei nach Wien kam. Die Familie hatte viele NS-Opfer zu beklagen. Harris Vater Mongo (1929–2014) überlebt die KZ Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Flossenbürg.

 

 

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Artikel Nora Bruckmüller 13. Oktober 2017 - 07:34 Uhr
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