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Hugo Portisch: Der ewige Chefredakteur

Hugo Portisch, einer der großen Journalisten der Republik und Beinahe-Bundespräsident, legt seine Erinnerungen vor: "Aufregend war es immer."

Der ewige Chefredakteur

Portisch als Kommentator der ersten Mondlandung 1969 Bild:

Wenn man diesen Band aus dem Ecowin Verlag ausgelesen hat, schaut man ungläubig auf die Seitenzahl: 384. So fesselnd ist die Lektüre.

Hugo Portisch erzählt in unnachahmlicher Art sein Leben. Ein spätes Glück fürs Publikum: Zwölf Jahre lang bearbeitete ihn sein Verleger, "denn nichts fällt mir schwerer als über mich zu schreiben."

Portisch – geboren 1927 als Sohn des Chefs der "Pressburger Zeitung", eines liberalen Blatts, das 1939 verboten wurde – ist einer der großen österreichischen Publizisten, Zeitzeuge, Zeitungsmacher, Vorbild für Generationen von Journalisten: der ewige Chefredakteur.

In seinen Erinnerungen lässt er Personen und Sensationen Revue passieren: die ganze Riege der Nachkriegspolitiker von Julius Raab bis in die jüngste Vergangenheit, Atomkriegsgefahr, Vietnam, Staatsvertrag und Zeitungsfehden, Medienmacher von ORF-Granden Gerd Bacher bis Hans Dichand, der den "Murtaler Boten", "Kurier" und "Krone" in die Höhe brachte.

Der ewige Chefredakteur

Auf den Malediven: Mit der Taucherbrille vor der Kamera

Die weitgehende Unabhängigkeit des ORF wäre ohne Hugo Portisch undenkbar. Mit anderen Chefredakteuren, darunter Hermann Polz von den OÖNachrichten, setzte er das Rundfunk-Volksbegehren durch – das erste in Österreich.

Die Brutalität, mit der dieser Fight um den ORF ausgetragen wurde, beschreibt Portisch plastisch. Als ein Rundfunkjournalist das Volksbegehren in einer Sendung erwähnte, wurde er von den schwarz-roten Machthabern sofort gefeuert. Portisch stellte ihn ein.

Nach dem "Kurier" kam Portisch zum ORF. Die Weltpolitik hatte ihn immer fasziniert, jedes Jahr unternahm er eine große Reise – in die Sowjetunion, nach Afrika, Lateinamerika oder China.

Herr Liu und Graf-Bobby-Witze

Straßenschlachten in Paris, das brutale Ende des Prager "Kommunismus mit menschlichem Antlitz" oder der "war-room" des US-Oberkommandos in Nebraska – Portisch tat, was einen guten Journalisten letztlich ausmacht: Hingehen, hinschauen, reden, schreiben.

Köstlich ist der Bericht über seine Reise mit dem spröden Dolmetscher, Herrn Liu, den er schließlich durch Graf-Bobby-Witze knackte.

"So sah ich China" wurde Portischs erster großer Bucherfolg.

Der ewige Chefredakteur

Fischer, Portisch: „Spontanes Nein“ zur Hofburg-Kandidatur

Kommende Veränderungen hat er als präziser Beobachter oft vorausgeahnt. Dass der Vietnamkrieg die westliche Gesellschaft prägen würde, wurde ihm klar als er 1967 das Chaos am Mekong besichtigte. Bald zogen in aller Welt demonstrierende Jugendliche mit dem Ruf "Ho, Ho, Ho Chi Minh!" durch die Straßen. Der Name des nordvietnamesischen Führers galt als Symbol: "Vieles wurde nun in Frage gestellt, das politische System auch der eigenen Staaten, die Autoritäten an sich, die gesellschaftliche Ordnung", schreibt Portisch.

Österreichs Volksbildner

An den deutschen und bald auch den österreichischen Universitäten hieß es "unter den Talaren, der Staub von hundert Jahren".

Zum Volksbildner wurde Hugo Portisch im ORF. Zuerst trat er am Vormittag im Schulfernsehen auf; dort sollte er auf Einladung von Helmut Zilk die Weltpolitik erklären. Er tat das völlig frei, ohne Manuskript, was den Vorstellungen der Parteiapparate nicht entsprach. Portisch fragte Zilk, ob es Probleme geben könne. Zilk: "Am Vormittag schauen die in den Parteisekretariaten doch nicht zu."

Dieses Buch entblößt die Mechanismen der Macht – mit kleinen Fehlern, die ein Lektor entfernen könnte: Der "Befreiungsausschuss Südtirol" hieß nicht BSA (das ist der Bund Sozialdemokratischer Akademiker) sondern BAS; der Chefredakteur der "Wochenpresse" kommt einmal als "Fajnik" vor (er hieß Bruno Flajnik).

Doch das sind Petitessen.

Der ewige Chefredakteur

Anerkannter Fachmann, auch für Pilze: Portisch im Wald

Anerkennung und Neid

Was zählt und bleibt: Hugo Portisch hat viele Österreicher mit der Geschichte ihres Landes vertraut gemacht. Durch seine Fernsehserien "Österreich I" und "Österreich II", in denen er die Erste und Zweite Republik darstellte, leistete er mehr für das Geschichtsverständnis als tausend beamtete Historiker. Der enorme Zuspruch des Publikums hat ihm die Anerkennung, aber auch den dauerhaften Neid der Historikerzunft eingebracht.

So viel Popularität wollte auch die Politik nutzen. Schon die Bundeskanzler Klaus und Kreisky wollten ihn als Minister, er lehnte ab. Vranitzky bot ihm an, als SP/VP-Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl anzutreten. Portisch hätte sicher gewonnen, doch er wollte nicht in die Hofburg übersiedeln.

Seine Begründung: Er wolle lieber Journalist bleiben; da könne er sich aussuchen, neben wem er beim Abendessen sitzt.

Hugo Portisch: "Aufregend war es immer". Ecowin-Verlag, 432 Seiten, 24,95 Euro.

 

Traudi in der Tramway

Das Ehepaar Portisch in der Toskana

Traudi in der Tramway

66 Jahre liebevolle Ehe und eine Tragödie

Ein eigenes Kapitel widmet Hugo Portisch seiner „Frau fürs Leben“ Gertraude, genannt Traudi. Sie ist die Tochter von Maximilian Reich, vor dem Weltkrieg einer der bekanntesten Sportberichterstatter Wiens. Gleich nach dem Einmarsch der Nazis wurde er mit dem ersten Transport der Gestapo ins KZ Dachau gebracht, später nach Buchenwald. Er überlebte, weil er versprach, nach England zu emigrieren. Nach der Rückkehr lernte Portisch Reichs Tochter kennen. Näher kamen sich die beiden auf der offenen Plattform einer Tramway, wie die Straßenbahn damals in Wien hieß.

1949 wurde geheiratet. Die Hochzeitsreise führte nach Italien, Portisch hatte 200 Schilling seiner Monatsgage von 360 Schilling angespart. „Wir hatten viel Freude aneinander und lernten die Fehler des anderen zu lieben“, berichtet er über die folgenden Jahrzehnte. Traudi schrieb erfolgreiche Kinderbücher, „Ich und Du“ z. B. hatte 19 Auflagen.

Gemeinsam verfasste das Ehepaar zwei Bücher: eines über ihre gemeinsame Leidenschaft, das Schwammerlsuchen, eines über ihr altes Bauernhaus in der Toskana: „Die Olive und wir“. Das Anwesen hatten sie zufällig gefunden und auf Traudis Wunsch innerhalb weniger Stunden gekauft.

Ihre größte Freude war ihr Sohn Edgar, ein begabter Maler mit Ausstellungen in Italien, Deutschland, Holland, Österreich. Edgar packte das Fernweh, er zog nach Madagaskar. Dort starb er 2012 an einer Tropenkrankheit. Portisch: „Das war zweifellos der härteste Schlag in unserem Leben.“

 

Lesen Sie mehr zur Präsentation des Buches im Wiener Café Landtmann

 

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Artikel Christoph Kotanko 17. Oktober 2015 - 00:05 Uhr
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