12. Dezember 2015 - 00:04 Uhr · Jasmin Bürger · Kultur

Gerald Wirth: Einmal Sängerknabe, immer Sängerknabe

Einmal Sängerknabe, immer Sängerknabe

Im Probenraum. Bild: Johannes Zinner

Nach musikalischen Wanderjahren ist der Wiener Sängerknabe Gerald Wirth als künstlerischer Leiter des Knabenchors sesshaft geworden. Der gebürtige Mauthausener will zeigen, dass dieser gar nicht altmodisch ist.

Glockenhelle Stimmen, die die Morgenluft über den Lustgarten hinaus bis in die gegenüberliegenden Häuser trägt: An einem ruhigen Samstagvormittag kann es schon vorkommen, dass Anwohner des Wiener Augartens im zweiten Bezirk in den Genuss eines Gratiskonzerts kommen. Im barocken Palais im Park residieren und proben seit 1948 die Wiener Sängerknaben.

Heuer begleitet der Chor zum sechsten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, weltweit begeistern die Kinderstimmen jedes Jahr bei ihren Tourneen bis zu einer halben Million Zuschauer mit Klassik und zeitgenössischer Musik. Für das Programm ist seit 2001 der in Ennsdorf aufgewachsene gebürtige Mauthausener Gerald Wirth verantwortlich. Er ist künstlerischer Leiter, seit 2013 auch Präsident des als Verein organisierten Chors mit Privatschulinternat.

Erfolg beim Probesingen

Wirths Sängerknaben-Karriere begann dort: Schon in der Volksschule in Enns fiel der musikalische Bub auf. Als die Wiener Sängerknaben in den Bundesländern einen Aufruf zum Probesingen starteten, empfahlen die Lehrer den Drittklässler. Er wurde aufgenommen und wechselte ab der vierten Klasse ins Internat. So jung weg von zuhause, "das war für mich kein Problem", erzählt der einzige Sängerknabe von vier Brüdern.

Das Internatsleben ist nicht immer leicht: "Natürlich gibt es Zeiten, wo die Buben lieber draußen am Fußballplatz wären, statt zu proben", sagt Wirth über den Alltag an der Musikschule. Das prunkvolle Palais beherbergt Probenräume und Büros, das Internat ist in einem neueren Nebengebäude. Fußballplatz und Hallenbad stehen den Buben ebenso exklusiv zur Verfügung wie ein Teil des Parks – was immer wieder zu Anrainerprotesten führt, ebenso wie der Bau des eigenen Musiktheaters auf einstigem Parkgrund. Der Knabenchor ist freilich auch eines der Aushängeschilder Wiener Musikkunst.

Der Erfolg, sagt Wirth, basiere darauf, "dass es den Kindern auch Spaß macht". Er selbst verlor in der Schule ebenfalls nicht den Spaß – ging aber zurück in die Heimat. Nach dem Musikgymnasium in Linz ging er ans Brucknerkonservatorium und entschied sich für instrumentale Hauptfächer: Klavier und Oboe, "Gesang war nur mein drittes Fach", sagt der 50-Jährige.

Das jahrelange Training merkt man bei jedem Wort: Wirths Stimme hat einen angenehmen, warmen Klang, er intoniert sorgfältig auf Hochdeutsch. Dialekt spricht er unter Freunden.

Nach der Ausbildung zog es den jungen Musiker wieder zu den Chören: Er war Erzieher bei den Florianer Sängerknaben, dann lockte erneut die Wiener Schule: Anfang 20 kehrte Wirth als Chorleiter zurück, es blieb aber ein kurzes Gastspiel. Mit 24 wechselte er ans Salzburger Landestheater, zwei Jahre später folgte der Ruf ins Ausland: In Kanada machte Wirth Karriere, zunächst beim Calgary Boys’ Choir, dann bei den Symphonikern. Wirth komponierte, feilte an Techniken der Stimmbildung und Musikpädagogik – er hat eine eigene Lehr- und Lernmethode entwickelt.

"Jeder kann singen"

"Jeder kann singen", macht Wirth auch völlig Unbegabten Hoffnung, es komme nur auf das Training an. Ein begnadeter Sängerknabe wird freilich nicht jeder. Deren Tradition hat für Wirth nichts Altmodisches: "Knabenchöre faszinieren", egal ob Popstars oder Blockbuster-Regisseure, die immer wieder Kooperationen suchen. "Dass man mit jungen Menschen auf diesem Niveau Musik machen kann, ist etwas ganz Besonderes", erklärt Wirth die Faszination, die durch wachsendes Interesse an Live-Events noch steige. "Die klassische Musikwelt ist alles andere als ausgestorben, es gibt heute in Wien viermal so viele Konzerte wie in den 70er Jahren", sagt er.

Wirth trägt auch als Komponist bei: Er hat Kinderopern, Oratorien und zig Arrangements geschrieben. Heute fehlt meist die Zeit: "Ich komponiere fast nur noch Stücke, die schnell gebraucht werden." Solche Chor-Arrangements gehen ihm leicht von der Hand, soll es ein großes Werk sein, "dann brauche ich Zeit, mich darauf einzulassen, und dann geht es leichter, wenn ich zum Beispiel auf einer Wiese sitze". Ganz traditionell ist Wirth "Notenblatt-Verwender", der, "wenn es schnell gehen muss", an den Computer wechselt.

Auf allen beruflichen Etappen immer schon an seiner Seite: Ehefrau Elke, eine Kindergartenpädagogin. Die beiden kennen sich aus der Schulzeit in Enns, feierten heuer Silberne Hochzeit. "Es ist nicht immer einfach, mit einem Musiker verheiratet zu sein", ist Wirth "dankbar", eine Stütze zu haben. Das Paar hat drei Söhne und drei Töchter zwischen 16 und 24 Jahren. Die ältesten drei wurden in Kanada geboren und mussten sich an das österreichische Leben gewöhnen, als die Wirths 1998 zurück in die Heimat gingen: Die Sängerknaben hatten ihren Sohn erneut umworben, zunächst als stellvertretenden künstlerischen Leiter.

Trotz oberösterreichischer Wurzeln hat die Familie ihr Heim in Niederösterreich aufgeschlagen: im Piestingtal, nahe Mariazell. Zwei Kinder gehen noch in die Schule, der Rest ist zum Studium ausgeflogen. Musikalisch sind alle sechs, "obwohl wir sie nie gedrängt haben", sagt Wirth. Eine Tochter studiert Musikpädagogik in Salzburg. Die anderen drei teilen sich eine Wohnung in Wien, die auch Wirth nutzt, wenn es zum Pendeln zu spät wird. Eine Teilzeit-WG mit dem Papa, "damit haben sie meistens eine Freude", sagt er, "aber ich bekomme auch Anrufe, ob ich eh nicht noch vorbeikomme."

Das Engagement bei den Sängerknaben ist sein bisher längstes. "Kann sein, dass ich hier in Pension gehe, kann auch nicht sein", sagt Wirth. Ideen hat er noch viele – und auch völlig unmusikalische Leidenschaften: Seit ein paar Jahren züchtet er im Piestingtal Schafe. "Wobei ich eher für die einfachen Arbeiten zuständig bin, Zäune richten, Heu machen", lacht der Teilzeit-Bauer.

Nachgefragt ...

Heimat ist für mich ... wo ich mich wohlfühl’, wo ich mit meiner Umgebung in einem positiven Ausgleich bin.
Heimweh nach Oberösterreich bekomme ich ... Im negativen Sinn nie, im positiven Sinn, wenn ich Dialekt spreche.
Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich  … Die oberösterreichische Geselligkeit
Mein Lieblingsplatz in Wien... Das Probezimmer der Sängerknaben.

 

1926 wurde der Verein der Wiener Sängerknaben gegründet, die Tradition reicht bis 1296 zurück: Seit damals sangen Knabenchöre regelmäßig in der Hofburgkapelle. Der sonntägliche Hofkapelldienst zur Messe gehört noch heute zur Ausbildung.

27.000 Konzerte haben rund 2400 Sängerknaben seit Vereinsgründung bei rund 1000 Tourneen in 97 Ländern absolviert. Derzeit sind 100 Sängerknaben zwischen 9 und 14 Jahren in vier Chören aktiv und neun bis elf Wochen im Jahr auf Tournee. Seit 2012 haben die Sängerknaben mit dem MuTH eine eigene Konzerthalle. Hauptfinanzier ist Peter Pühringers Privatstiftung.

Zwei Stunden täglich Musik- und Chorunterricht stehen für aktive Sängerknaben im Internat auf dem Stundenplan. Es gibt jährlich doppelt so viele Bewerber wie Plätze.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Gerald-Wirth-Einmal-Saengerknabe-immer-Saengerknabe;art16,2055746
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